Wuchernde Univerwaltung — Beispiel Zeiterfassung

11. Mai 2016 von Kommentar per Email


(Der gleiche Hochschullehrer — siehe Posting vom 29. April — hatte noch mehr über die deutschen Unis zu meckern:)

Die Verwaltungen der Unis wuchern mit autokatalytischer Rückkopplung, ähnlich wie ein Tumor. Mittlerweile wachsen gar Strukturen zur Verwaltung der Verwaltung. Ein Beispiel dafür ist die Verwaltung der Zeiterfassung, denn auch die Mitarbeiter der Verwaltung (und gerade die) sind im elektronischen Zeiterfassungssystem integriert — damit bloß niemand zu viel arbeitet. Dummerweise muss so ein elektronisches System auch gepflegt und kontrolliert werden — wofür wiederum Verwaltungstellen geschaffen wurden. Die Pflege und Kontrolle läuft aber ins Leere, denn es gibt ja ‚Spielräume‘.

PhDZeitWenn zum Beispiel eine TA aufgrund der Trägheit einiger Studenten das Praktikumslabor erst abends um 21:45 Uhr zuschließen kann, dann hat sie einen 14-Stunden-Tag hinter sich, da sie ja bereits morgens um 7:00 Uhr mit der Arbeit begonnen hatte. Das Zeiterfassungssystem honoriert diesen selbstlosen Einsatz für die Uni, indem es von den 14 Stunden einfach vier Stunden abzwackt, denn mehr als zehn Stunden pro Tag sind ja ‚verboten‘! Das macht aber nichts, denn ins elektronische Zeiterfassungssystem kann sich jede Angestellte einloggen und diese abgezwackten Stunden korrigieren, beziehungsweise sie sich anderswo wieder gutschreiben. Das muss dann allerdings schriftlich verfasst, ausgedruckt, vom Vorgesetzten gegengezeichnet und an die zentrale Verwaltung, Geschäftsbereich Personal, Referat ‚Zeiterfassung‘, gesandt werden. Es ist also reichlich Raum gegeben für verwaltungstechnische ‚Korrekturen’, weil die Verwaltung mit ihren vielseitigen Aufgaben ja total überlastet ist und das nicht auch noch alles kontrollieren kann. Daher wird erwartet, dass die Angestellten sich selbst kontrollieren (so, wie vor der Einführung des Erfassungssystems!) — ihre Zeiten also selbst erfassen und gegebenenfalls korrigieren.

Die Uni Darmstadt (vertrauliche Mitteilung!) plant jetzt, die Zeiterfassung auch auf die wissenschaftlichen Mitarbeiter auszudehnen. Das verursacht natürlich großen Unmut, weil Zeiterfassung als Wissenschaftskiller gesehen wird. Warum eigentlich? Es ist doch alles halb so schlimm; es kommt, wie es kommt. Es wird zwar sehr viel mehr Bürokratie, aber einen Weg, das System zu den eigenen Gunsten zu ‚korrigieren‘, findet man immer, weil die Verwaltung an der von ihr selbst verursachten Bürokratie erstickt. Und ist die Zeiterfassung tatsächlich ein Wissenschaftskiller? Nein, nicht wirklich — denn einen Doktorand, der sich auf seine halbe Stelle beruft und meint, er dürfte aufgrund der Zeiterfassung nur 19,5 Stunden pro Woche im Labor stehen, den schmeißt man am besten gleich in den ersten Wochen der Probezeit wieder raus.

Die Lesart in solch einem Falle ist somit folgende: Der Doktorand MUSS 19,5 Stunden in der Woche für das arbeiten, wofür er bezahlt wird, und die übrigen 148,5 Stunden der Woche DARF er sich seiner Doktorarbeit widmen. Dabei hat das MUSS mit dem DARF bei DFG-finanzierten Doktoranden einen hundertprozentigen thematischen Überlapp, während der Überlapp bei Landesstellen-Doktoranden wegen abzuleistender Hilfsdienste in den Lehrveranstaltungen nur bei etwa 99 Prozent liegt. Ein braver ‚halber‘ Doktorand kommt also um 9:00Uhr, und stempelt sich dann pünktlich um 14:00 Uhr aus, um dann unverzüglich ins Labor zurückzukehren und bis 26:00 Uhr zeitunerfasst an seiner Doktorarbeit weiterzuarbeiten.

Und da heißt es, an der Uni herrschten Logik und Weisheit…

(Illustr.: Fotolia / TSUNG-LIN WU)

Die Unis schaffen ihre Kompetenz zur Doktorandenbetreuung ab

29. April 2016 von Kommentar per Email

(Ein deutscher Hochschullehrer schrieb uns kürzlich folgendes zum obigen Thema:)

Früher wurde jeder Doktorand von seinem „Doktorvater“ (bzw. „-mutter“) betreut. Selbstredend wurden dabei  ganz en passant auch alle für einen angehenden Wissenschaftler unabdingbaren ‚Softskills‘ vermittelt — wie etwa ‚Korrekte wissenschaftliche Praxis‘, ‚Experimental design‘, ‚Ethik im Wissenschaftsbereich‘, ‚Datenauswertung und Statistik‘, ‚Posterdesign‘, ‚Vortragsstil‘, ‚Manuskriptschreiben‘ u.s.w.

Heute jedoch braucht es für die Vermittlung dieser Softskills extra Doktorandenseminare, die im Rahmen von Graduiertenschulen und Exzellenzclustern oft sogar verbindlich sind. Da kann es schon mal passieren, dass ein Doktorand zwei bis drei mal in der Woche mitten am Tag die Pipette fallen lässt, um zum Doktorandenseminar zu hetzen. Dass dadurch das gerade angefangene Experiment korrumpiert wird und er danach von vorn anfangen muss, weil alles viel zu lange bei Raumtemperatur rumgestanden hat, ist in dem Moment nicht so wichtig.

Bei der Anmeldung zur Disputation wird von der Fakultät schließlich auch abgefragt, welche Seminare, Kolloquien, etc. der Doktorand während der vergangenen Jahre so besucht hat. Stimmen Anzahl und Umfang der besuchten Veranstaltungen nicht, wird die Zulassung zum Promotionsprüfungsverfahren von der zuständigen Fakultätsmitarbeiterin verweigert. In dem Moment nützt es dann auch nichts, wenn der Promovend mehrere Nature-Publikationen als Erstautor vorlegen kann. Die Angelegenheit muss dann direkt zwischen Doktorvater und Dekan geklärt werden.

Um die Sorgen der Doktoranden aufzufangen, werden uni-intern Graduiertenzentren gegründet, in denen ehemalige Doktoranden und PostDocs den schlecht bezahlten und aussichtslosen Job übernehmen, auf die „Verbesserung der Rahmenbedingungen der Doktoranden innerhalb der Uni Einfluss zu nehmen“. Auch wegen der im Rahmen der Exzellenzinitiative gewachsenen Graduiertenschulen ist es Doktorvätern daher möglich, sich immer weiter aus dem Betreuungs-Geschäft zurückzuziehen, aber dennoch im Falle eines guten Doktoranden dessen Meriten, inklusive Autorenschaften, mit für sich einzustreichen.

Wer auf diese Weise Betreuungspflichten abgegeben hat, der hat natürlich Zeit Seminare wahrzunehmen. Beispielsweise Seminare, in denen man lernen kann, wie Doktoranden zu betreuen sind. Es gibt sie tatsächlich: Lehrangebote speziell für die PROFis….— die es doch aber eigentlich selbst wissen sollten. Die Dozenten, die diese Veranstaltungen leiten, sind Didaktiker, Pädagogen, Psychologen, Heilpraktiker und selbsternannte Expertentrainer. Vorzugsweise von weit angereist und gut bezahlt.

Es geht inzwischen so weit, dass Unis nicht-universitäre Forschungseinrichtungen wie die Max-Planck-Gesellschaft gar als Vorbild dafür anpreisen, wie gut sie ihre Doktoranden betreuen. Dabei haben diese Einrichtungen gar keine Lizenz zum Promovieren. Womit sich ein wahrlich paradoxer Zirkel schließt: Die Uni als einzig promovierende Ausbildungsstätte im Land soll von einer externen, rein auf Forschung ausgerichteten Einrichtung ohne Lehrauftrag lernen, wie man mit Doktoranden umgeht. Ein Armutszeugnis!

Männer nehmen lieber Männer

29. Juli 2014 von Kommentar per Email

(Unser Autor Leonid Schneider referiert in folgendem Text eine neue Studie, nach der in den Life Sciences insbesondere männliche Top-Forscher am liebsten weitere Männer in ihre Gruppe holen.)

Frauen sind in den oberen Rängen der Forschungshierarchie leider immer noch stark unterrepräsentiert. Gleichzeitig ist, zumindest in den Lebenswissenschaften, das Geschlechtsverhältnis unter den Studenten und sogar Doktoranden schon seit längerem gut ausbalanciert. Spätestens bei den Nachwuchswissenschaftlern aber, und erst recht unter Professoren wird die Männer-Dominanz überdeutlich. Dabei tun die Universitäten und andere Forschungseinrichtungen doch ihr Bestes, um mehr Frauen in Führungspositionen zu etablieren. Sie bieten beispielsweise Kinderbetreuung vor Ort an und weisen in jeder Ausschreibung auf die Bevorzugung von weiblichen Bewerberinnen hin. Warum schaffen es denn so wenige Frauen bis zur Professur? Eine kürzlich in PNAS erschienene Studie hat nun folgendes aufgedeckt: „in den Life Sciences stellen männliche Fakultätsobere weniger Frauen ein“. Die Autoren sind Joan Smith, Software-Entwicklerin bei Twitter, und Jason Sheltzer, Doktorand bei der ausgesprochen erfolgreichen Zellbiologin Angelika Amon am MIT in Boston.

Für ihre Analyse sammelten die Beiden die Daten von über 2.000 Doktoranden, Postdocs und anderen Fakultätsmitgliedern in 24 der angesehensten US-Forschungseinrichtungen — und zwar allesamt aus Arbeitsgruppen, die primär molekularbiologisch forschen. Diesen Beitrag weiterlesen »

„Knebelverträge gehen bald nicht mehr“

6. Mai 2014 von Laborjournal

Ende 2012 setzte die Max-Planck-Gesellschaft eine Präsidentenkommission Nachwuchsförderung ein. Von irgendwelchen (Zwischen-)Ergebnissen hat man seither noch nichts gehört. Auch an den Universitäten und anderen außeruniversitären Forschungseinrichtungen wird das Problem momentan eher verschleppt als diskutiert.

Derweil wächst es unbeeindruckt weiter. Denn eines ist klar — und war ja letztlich auch der Grund für die Bildung der MPG- und anderer Kommissionen zum Thema: Angesichts der jetzigen Entwicklung muss sich hinsichtlich der Förderung von Doktoranden und Postdoktoranden in naher Zukunft etwas ändern, sonst gerät die akademische Forschung im Wettbewerb um qualifizierten oder gar exzellenten Nachwuchs demnächst stark ins Hintertreffen.

Ein in Nachwuchs-Fragen sehr engagierter Direktor eines Bio-Instituts fasste das Dilemma letzte Woche im Gespräch folgendermaßen zusammen: „In zehn Jahren werden die Studenten der Naturwissenschaften deutlich mehr Alternativen haben. Knebelverträge wie im heutigen akademischen System gehen dann nicht mehr. Und darauf müssen wir vorbereitet sein.“

Gut für die Studenten, schlecht für die Forschung. Es sei denn, man beginnt tatsächlich bald, entsprechende Vorbereitungen zu treffen.

Meinungen dazu?

(Foto: mapoli-photo / Fotolia.com)

Wenn ich groß bin, werde ich Risikobewerter…

11. Februar 2014 von Kommentar per Email

(Gibt es einen Trend, dass in den Ausschreibungen für Life Science-Stellen die Anforderungen an potenzielle Bewerber immer „enger“ werden? Unser Autor Leonid Schneider ist überzeugt davon — und seziert als Indiz dafür die jüngsten Stellenausschreibungen des Bundesamts für Risikobewertung BfR.)

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Es gibt Jobs, für die sind nur Wenige geeignet. Astronaut zum Beispiel. Oder Bundeskanzler. Oder auch: Professioneller Risikobewerter im Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin (http://www.bfr.bund.de).

Da die Aufgabe dieses Instituts — die Gefahreneinschätzung von Chemikalien, Lebensmitteln, Partikeln, etc. — sehr wichtig ist, werden potenzielle Job-Kandidaten entsprechend streng ausgewählt. Zumal diese Leute ja später auch verbeamtet werden sollen. Das Institut legt daher ganz besonderen Wert darauf, dass Wissenschaftler sich mit ihrem potenziellen Arbeitsgebiet sehr gut auskennen — am besten, schon bevor sie als Kandidaten überhaupt in Frage kommen.

Natürlich kann nicht jeder beliebige Lebenswissenschaftler oder Chemiker einfach daher kommen und vom BfR Einlass in eine Karriere verlangen. Solche Quereinsteiger sollen sich ihre alternativen Karrieren bitte schön woanders suchen. Wie ich darauf komme? Was mir schon seit einiger Zeit auffällt, ist folgendes: Bei praktisch jeder Stellenausschreibung verlangt das BfR unter den „Anforderungen“, dass die nachweisbaren Vorkenntnisse und die Berufserfahrung nahezu exakt zu dem anvisierten Aufgabenbereich passen müssen.

Bei vielen Postdoc-Ausschreibungen in der akademischen Forschung ist das inzwischen zwar auch oft der Fall, aber meist geht es hier eher um ganz bestimmte technische Methoden und weniger um präzise definierte Forschungsfelder. Das BfR jedoch geht bei seinen Stellenausschreibungen für promovierte Wissenschaftler noch einen gehörigen Schritt weiter. Diesen Beitrag weiterlesen »

Zitat des Monats (6)

22. November 2011 von Laborjournal

Eine der nettesten, ehrlichsten und vielleicht auch verantwortungsvollsten Ausschreibungen für ‚Graduate Students‘, die man sich denken kann:

(Bild anklicken für größeren PDF-file)

Vom Söhnke Johnsen Lab, Duke University.

 

 

Ungeliebte Widerlegungen

3. Dezember 2010 von Laborjournal

Aus der Reihe „Spontane Interviews, die es nie gab — die aber genau so hätten stattfinden können”. Heute: Professor G.U.T. Glaub, Veritologisches Institut Universität Wahrenstadt.

LJ: Hallo, Herr Glaub. Gerade kam eine Ihrer Mitarbeiterinnen heulend aus Ihrem Büro gestürzt. Was ist passiert?

Glaub: Eine Katatrophe ist passiert. Sie kann mit ihrer Doktorarbeit komplett neu anfangen. Die bisherigen eineinhalb Jahre völlig für die Katz — auch wenn sie nur schwer vorangekommen ist. Wenigstens wissen wir jetzt warum.

LJ: Äh… ja,… und warum?

Glaub: Kurz gesagt: Wir hatten für ihre Arbeit eine wirklich nette Hypothese aufgestellt, die auf Ergebnissen und Schlussfolgerungen eines ganz bestimmten Papers zur Chromatinstruktur beruhte. Und jetzt hat sich herausgestellt, dass dessen Folgerungen falsch sind und die betreffenden Strukturen in der Form  offenbar nicht vorkommen. Und damit ist auch unsere Hypothese futsch.

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‚Ansichten eines Profs‘ (54) — Postdoc-Schwemme

8. April 2010 von Laborjournal

(Aus unserem letzten Heft, Laborjournal 3/2010: Folge 54 unserer „Ansichten eines Profs“ von Axel Brennicke mit dem Titel „Postdoc-Schwemme“ (S. 46) provozierte in der Zwischenzeit einige kontroverse Kommentare. Daher bringen wir nun Brennickes Text samt einiger der bisherigen Kommentare auch hier in unserem Blog — und laden ein zu weiteren Rückmeldungen über die unten folgende Kommentar-Funktion.)

Postdoc-Schwemme

von Axel Brennicke, Mol. Botanik Uni Ulm

Unregelmäßig flattern bunt gedruckte Werbeplakate über die Schreibtische der Professoren in unserem Land. Jährlich werden es mehr. Alle bitten, aufgehängt zu werden. Meist in Ausländisch: „We kindly ask you to place the enclosed poster in a prominent location where it will attract the attention of students in life and natural sciences, engineering, informatics and medicine.“

Die penetrante Werbung um Doktoranden kommt zunehmend auch per E-Mail. Da soll ich die Poster sogar selbst ausdrucken und aufhängen, tunlichst in Farbe auf meinem alten Schwarz-Drucker. Diesen Beitrag weiterlesen »

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