Nachteilsausgleich oder Diskriminierung?

31. August 2016 von Kommentar per Email

(Vor einigen Tagen erhielten wir folgende E-Mail zum Thema Anrechnung von Kindererziehungszeiten in der akademischen Forschung:)

 

Liebe Redaktion des Laborjournals,

vatkindeigentlich ist es ja eine tolle Sache, dass immer mehr Forschungsförderungs-Institutionen auch das Familienleben der Forscher im Blick haben. So werden bei Grants, für die man sich nur innerhalb einer bestimmten Zeit nach der Promotion bewerben kann, auch Kindererziehungszeiten angerechnet. Ist ja klar: Mit Kindern kann man weniger Nächte durcharbeiten, muss zur bestimmten Zeit das Kind abholen, hat einfach weniger Freizeit, in der man ja auch im Labor werkeln könnte. Vorher gab es nur die Entscheidung, entweder mit Kindern zu warten bis die feste Stelle erreicht wird (im Sinne der Fortpflanzungsbiologie schwierig) — oder aber ein Partner muss komplett zu Hause bleiben und die Kinder hüten, während der andere den ganzen Tag und Nacht arbeiten darf. Letztendlich haben die Damen und Herren der Forschungsförderung halt eingesehen, dass es eben gesellschaftlich einen Unterschied macht, ob man Kinder in die Welt setzt oder beispielsweise einen Kletterkurs im Himalaya absolviert.

Die DFG hat es beim Emmy-Nöther-Programm vorgemacht. Da kriegt jede/r Bewerber(in zu den vier Jahren Bewerbungsfrist nach der Promotion für jedes Kind zwei Jahre extra Zeit. So weit so fair. Beim European Research Council (ERC) geht man einen anderen Weg. Hier stieß ich in den Bewerbungsunterlagen für deren Starting Grant auf folgenden Abschnitt:

The reference date towards the calculation of the eligibility period should be the date of the actual award according to the national rules in the country where the degree was awarded.

However, the effective elapsed time since the award of the first PhD taken into consideration for eligibility can be reduced in the following properly documented circumstances provided they started before the call deadline.

For maternity, the effective elapsed time since the award of the first PhD will be considered reduced by 18 months or if longer by the documented amount of leave actually taken for each child born before or after the PhD award. For paternity, the effective elapsed time since the award of the first PhD will be considered reduced by the documented amount of paternity leave actually taken for each child born before or after the PhD award.

Soll heißen, eine Mutter kriegt sowieso 18 Monate pro Kind gutgeschrieben oder mehr, wenn sie länger zu Hause war; ein Vater kriegt dagegen gar nichts — es sei denn, er hat tatsächlich Elternzeit genommen. Warum? Die Zeiten der Hausfrauenehe sind doch in den meisten Forscherhaushalten vorbei. Da muss man als Papa bei der Betreuung der Kinder genauso ran. Mütter haben natürlich eine längere Auszeit durch Mutterschutz und Elfenzeit — aber 18 Monate per se versus nichts? Ist das ‚affirmative action‘? Weil Frauen früher Nachteile hatten, sollen sie heute positiv diskriminiert werden? Und wie sieht man das eigentlich im europäischen Ausland? In Frankreich und Belgien, wo Mütter normalerweise drei Monate nach der Geburt wieder im Labor aufschlagen. Fragen über Fragen…

Vielleicht geht es Euch ja ähnlich und Ihr habt Lust, da eine Story draus zu machen. Beim ERC nachfragen, wie es zu dieser Regelung gekommen ist. Betroffene zu Ihrer Meinung befragen. Würde ich gut finden.

(Meinungen und Kommentare dazu? Entweder direkt als Kommentar hier unten oder via E-Mail an redaktion@laborjournal.de.)

„Bankrotterklärung“ — ein böser Brief an die DFG

5. Oktober 2015 von Laborjournal

Immer wieder müssen wir Laborjournal-Redakteure in älteren E-Mails wühlen. Und ab und zu stoßen wir dabei auf „alte Perlen“, die wir noch gar nicht richtig verwertet haben. So auch heute, als ich im Anhang einer Mail auf einen Brief stieß, in dem ein deutlich verärgerter Forscher die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) scharf für ihre Antrags- und Karrierepolitik kritisierte. Hier anonymisierte Auszüge daraus:

[…] Ich habe es damals als promovierter Wissenschaftler und später als Privatdozent erlebt, wie völlig unverantwortlich die deutsche Wissenschaftslandschaft (einschließlich der DFG) mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern umgeht. Diese wurden bis in ihre späten Dreißiger oder frühen Vierziger mit Stipendien und Drittmittelstellen gefördert, um ihnen dann mitzuteilen, dass leider keine weitere Verwendung für sie besteht (weil es eben nicht annähernd genügend Professoren-Stellen für alle Privatdozenten gibt). 

[…] Als seinerzeit 38-jähriger, der sich um ein Habilitationsstipendium bei der DFG beworben hatte, teilte man mir damals mit (und diese Formulierung muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen) dass: „… die Gutachter den Eindruck gewonnen hätten, dass ich ein erfahrener [XYZ]-Analytiker mit einer ansprechenden Zahl guter Publikationen sei — vielleicht einer der besten [XYZ]-Forscher des Landes….“! Gleichzeitig wurde mir jedoch auf Seite 2 des Schreibens beschieden, „… dass der Hauptgrund für die Ablehnung Ihres Antrages die Sorge der Gutachter war, dass die Habilitation nicht der richtige Berufsweg für Sie sei“ (das Schreiben liegt bei).

Dümmer und zynischer geht’s nimmer, würde ich mal sagen: Diesen Beitrag weiterlesen »

Wer evaluiert die Forschungsförderer?

31. Oktober 2014 von Laborjournal

(Hin und wieder stöbern wir in unseren eigenen alten Ausgaben — und stoßen dabei bisweilen auf zeitlose „Perlen“, die das Gros unserer heutigen Leser nicht kennt. Zum Beispiel der folgende Beitrag aus dem Jahr 2000:)

„Wer evaluieren will, muss sich auch evaluieren lassen

Unis, Professoren, Disziplinen — alle werden mannigfach evaluiert. Außer den Forschungsförderern. Warum die eigentlich nicht?

Rationales Vorgehen ist nicht jedermanns Sache — das gilt leider auch für einige Wissenschaftler. Ein Beispiel: Auf einen Bericht der Zeitschrift Nature über Mängel in der Förderpraxis der DFG hin fühlten sich einige langjährige Drittmittelempfänger berufen, mit einer E-Mail-Kettenbrief-Keule auf die Zeitschrift einzudreschen (vgl. LJ 5/2000, S. 18). Vielleicht verklagen die Herren auch den Netzgeräte-Hersteller, wenn auf dem Gel nicht die richtigen Banden zu sehen sind? Spaß beiseite: Die Mitarbeiter und Gutachter der DFG oder des BMBF sollten dankbar für derartige Berichte sein. Sie kennen ja die Probleme des Hochschullehrer-Nachwuchses nicht aus eigener Erfahrung. Sie sollten Berichte aus der „Unterwelt“ als wertvollen Hinweis betrachten. Genau wie der Forscher jene ärgerliche zusätzliche Bande auf dem Gel akzeptieren muss, die einfach nicht wegzureinigen ist — und sich dann als essentieller Kofaktor erweist.

Methoden wie im Mittelalter

Wie geht man Probleme rational an? Es gibt eine alte Regel, die schon die Römer kannten, vermutlich sogar schon die Neandertaler: Man macht sich zuerst ein Bild über die Lage, dann erst trifft man Entscheidungen. Hier: man sammelt zuerst Daten. Auch Firmen ermitteln zuerst, wo der Markt ist und was die Zielgruppe braucht — vorher wird nicht investiert.

Wie aber packen unsere Forschungsförderer die Probleme an? Diesen Beitrag weiterlesen »

Institutionen mit auf die Anklagebank

22. Juli 2014 von Kommentar per Email

(Unser Autor Leonid Schneider plädiert in folgendem Text für härtere Bestrafung bei vorsätzlicher Forschungsfälschung.)

Die Wissenschaft hat ein zunehmendes Glaubwürdigkeitsproblem. Immer mehr, zum Teil sehr hochkarätige Publikationen werden zurückgezogen oder von Kollegen öffentlich angezweifelt. Man siehe etwa nur die Retractions der beiden Nature-Paper über die märchenhaften STAP-Zellen

Die Gründe sind leider eher selten, wie oft von Autoren behauptet, „ehrliche Fehler“, sondern gravierende Datenmanipulationen, die nur mit Vorsatz zu erklären sind. Damit gerät die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft in Gefahr — folglich muss etwas getan werden, um den Pfuschern in der Forschung das Handwerk zu legen.

Gewisse Lösungsvorschläge gehen bereits in die richtige Richtung. Diesen Beitrag weiterlesen »

Förderung nur bei „Nature-Niveau“?

21. August 2012 von Kommentar per Email

(Kürzlich erhielten wir den unten folgenden Erfahrungsbericht zum Thema DFG-Anträge. Wir haben ihn anonymisiert und überarbeitet — und stellen das Thema hiermit zur Diskussion.)

Mit großem Interesse habe ich Ihren Artikel „Außer Kontrolle“ in Laborjournal 6/2012, S. 21-25, über die Forschungsförderung der DFG gelesen. Aus diesem Grund möchte ich Ihnen meine Situation und Erfahrungen mit der DFG schildern.

Ich war mehrere Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem biochemischen Institut; zur Zeit bin ich in der Position als Vertretungsprofessorin bis voraussichtlich Ende September 2012 eingestellt. Seit einigen Jahren versuche ich für meine Forschung Drittmittel einzuwerben, was bis auf eine Ausnahme leider erfolglos war. 2009 stellte ich schließlich wieder einen Antrag auf Sachbeihilfe bei der DFG (inklusive Beantragung meiner eigenen Stelle). Ich hatte gehofft, dass der Antrag diesmal genehmigt wird, da er auf schon veröffentlichten Daten, unter anderem im Journal of Cell Science, basierte und ich weiterhin eine interessante, neue In vivo-Methode in Deutschland etablieren wollte. Die finanziellen Mittel für die Geräte, die dafür notwendig sind, wurden mir zuvor von meiner Universität im Rahmen eines Antrags auf „Einrichtung einer eigenen Arbeitsrichtung“ genehmigt.

Im September 2010 erhielt ich den Bescheid über die Ablehnung des Antrags, obwohl die Gutachten grundsätzlich eine Förderung empfohlen haben. Diesen Beitrag weiterlesen »

Machtmoloch DFG?

21. Oktober 2011 von Laborjournal

Es hatte bereits im Juli diesen Jahres „gesessen“: Damals setzten sich fünf Wissenschaftler im Foyer des Berliner Ensembles aufs Podium und wetterten gegen die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), was das Zeug hielt. Die Süddeutsche Zeitung fasste die „Attacke der Wut-Wissenschaftler“ damals zusammen:

Glaubt man den Anwürfen der Fünf, ist sie [die DFG] zu einem bürokratischen Monstrum verkommen, das unkontrolliert, nach Regeln, aber im rechtsfreien Raum agiert, in erster Linie die Interessen der Apparatschiks im Auge hat und die vom Grundgesetz geschützte Autonomie der Forschung gefährdet.

Jetzt hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) zweien der Fünf Gelegenheit zum Nachsetzen gegeben. Sie bat den Heidelberger Germanisten Roland Reuß und den Münchner Juristen Volker Rieble ihre Argumente nochmals aufzuschreiben, „um in dieser Frage eine umfassende Diskussion zu ermöglichen“.

Gesagt, getan. Und so findet der geneigte Leser nun im FAZ-Text eine saubere Auflistung nicht gerade angenehmer Vorwürfe, was aus der DFG geworden ist und wie sie heute agiert. Diesen Beitrag weiterlesen »

Antrags-Timing

17. Juli 2011 von Laborjournal

Wie man im Laufrad der Antragsstellerei am ehesten das Tempo hält, ist ein offenes Geheimnis: Man hat das Projekt möglichst schon fast fertig, bevor man den Antrag dazu schreibt. Allerdings sollte man es damit nicht zu weit treiben — denn sonst rügt einen die DFG.

Im letzten Laborjournal schreiben wir unter „Inkubiert“ (S. 8):

Nach dem Antrag ist vor dem Antrag. […] Kaum ist ein Antrag durch, muss man schon den nächsten vorbereiten. Vor allem größere Gruppen haben daher schon seit einiger Zeit eine Art Patentrezept entwickelt: Projekt und zugehörigen Antrag zeitlich gegeneinander verschieben. Heißt also, man beantragt zwar Projekt n, startet mit den bewilligten Mitteln aber bereits (hauptsächlich) Projekt n+1. Konkret bedeutet das, dass man einen Antrag erst stellt, wenn das darin beantragte Projekt n so gut wie fertig ist — und dabei so tut, als wolle man Experimente machen, die man größtenteils schon längst in der Tasche hat. Diesen Beitrag weiterlesen »

A Lab goes Jethro Tull

24. Mai 2011 von Laborjournal

Im Auftrag der DFG durchforstete der Würzburger Roland Houben Ende der Neunziger mit seinen Kollegen Patrick Gröhn, Hermann Frank und Ulf Rapp die gesammelten Werke der Krebsforscher Friedhelm Herrmann und Marion Brach auf Datenfälschungen. Mit durchschlagendem Erfolg, wie man heute weiß: In knapp 100 Publikationen fand die „Task Force“ damals Beweise oder zumindest klare Hinweise auf Datenmanipulation.

Heute arbeitet Roland Houben in der Würzburger Hautklinik. Und dass er den Humor trotz allem nicht verloren hat, beweist die folgende Musikvideo-Produktion „The Circle of Science“ aus seinem Labor, auf die er uns gerade aufmerksam gemacht hat. Houben selbst schrieb dazu: „Auch das hier ist ein übles Plagiat.“

Übrigens: Houben sucht Leute, die Interesse haben in seinem Klinik-assoziierten Labor ihre Diplom- oder Masterarbeit zu machen. Kontakt: Houben_R@klinik.uni-wuerzburg.de

Der Fehlerbalken im Auge des Forschers

4. März 2010 von Laborjournal

Kollege Rehm bat mich gerade, auch hier im Blog auf seine Fortsetzungs-Reportage „Der Fehlerbalken im Auge des Forschers“ auf Laborjournal online hinzuweisen. Momentan erscheint dort täglich eine weitere Folge der Geschichte um vermeintliche oder tatsächliche Datenfälschung. Der Unterschied zu den vielen anderen bekannten Daily Soaps: Es hat sich alles tatsächlich zugetragen. Hier ist Hubert Rehms aktuelle Zusammenfassung:

Seit zwei Wochen läuft auf Laborjournal online die Serie „Der Fehlerbalken im Auge des Forschers“. Was bis jetzt geschah: Zur Jahreswende 2007/2008 gab es eine Auseinandersetzung der Nachwuchsforscher Nikolai Savaskan, damals Postdok am Institut für Anatomie der Charité, mit dem Forschungs-Quereinsteiger Markus Kühbacher. Kühbacher wirft Savaskan vor, in einem gemeinsamen Manuskript Daten gefälscht zu haben. Obwohl dieses Manuskript nie veröffentlicht wurde, schaukelt sich die Sache auf. Der DFG Ombudsman in Hamburg wird angerufen. Die Vermittlung scheitert und der Ombudsman gibt die Sache an die DFG-Kommission zur Aufklärung von Verdachtsfällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens ab. Weil Savaskan ein Zögling des damaligen Institutsdirektors Robert Nitsch ist und dieser, nach Kühbachers Ansicht, nicht adäquat reagiert, untersucht Kühbacher die Publikationen von Nitsch auf Auffälligkeiten. Er findet auch einige. Weil Kühbacher zudem durch das Verhalten der Sprecherin des Ombudsman Ulrike Beisiegel irritiert ist, untersucht er auch deren Publikationen. Auch hier meint er Auffälligkeiten gefunden zu haben…

Die ganze Geschichte kann also auf Laborjournal online gelesen werden — und hier im Blog, unterhalb dieses Eintrags, kommentiert und diskutiert werden.

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