Eingepferchte Forscher

3. Mai 2017 von Laborjournal

Beim Stöbern in unseren alten Ausgaben gerade dieses Zitat vom ehemaligen Direktor des Forschungszentrums Jülich, Georg Büldt, gefunden (LJ 11/2004: 26):

Politiker und andere Forschungsorganisatoren machen häufig keinen Unterschied zwischen einem Beruf in der Forschung und einer Verwaltungstätigkeit. Erfolgreiche, kreative Forschung ist, ähnlich dem Beruf eines Künstlers, sehr stark abhängig von den individuellen Möglichkeiten im Herangehen an eine Aufgabe. Bei van Gogh oder Picasso würde niemand auf die Idee kommen, vorschreiben zu wollen, dass sie um 8.00 Uhr morgens mit ihrer Arbeit beginnen müssen und um 17.00 Uhr wird das Atelier geschlossen. Niemand wird glauben, dass sich Watson und Crick in ihren Spekulationen über die DNA-Struktur an irgendeine Arbeitszeit von acht Stunden gehalten haben. In unserem Land wird das Forscherleben in einen Tarif gepfercht, der unter anderem festlegt, wie viele Stunden man arbeiten darf, wie lange man auf einer unbefristeten Stelle forschen darf, und so weiter. Wissen diese Bürokraten eigentlich, dass ein gutes Institut ein Zuhause für einen Forscher ist, in dem man seiner Individualität Rechnung tragen können sollte? Manche arbeiten acht Stunden hintereinander, andere mit großen Unterbrechungen. Von früh morgens bis spät in der Nacht sollte sich hier das Forscherleben austoben dürfen. Diese Verhältnisse findet man häufig in Instituten mit hohem Ausländeranteil, da für ausländische Postdocs das Institut der Ausgangspunkt für Freundschaften und Vertrautheit in der neuen Umgebung ist. Die Kreativität solcher Institute ist meist sehr viel höher als in reglementierten Arbeitsgruppen. Das heutige Arbeitsrecht verbietet jedoch eine solche Arbeitszeitregelung.

Hat sich nicht wirklich was geändert, oder?

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Wuchernde Univerwaltung — Beispiel Zeiterfassung

11. Mai 2016 von Kommentar per Email


(Der gleiche Hochschullehrer — siehe Posting vom 29. April — hatte noch mehr über die deutschen Unis zu meckern:)

Die Verwaltungen der Unis wuchern mit autokatalytischer Rückkopplung, ähnlich wie ein Tumor. Mittlerweile wachsen gar Strukturen zur Verwaltung der Verwaltung. Ein Beispiel dafür ist die Verwaltung der Zeiterfassung, denn auch die Mitarbeiter der Verwaltung (und gerade die) sind im elektronischen Zeiterfassungssystem integriert — damit bloß niemand zu viel arbeitet. Dummerweise muss so ein elektronisches System auch gepflegt und kontrolliert werden — wofür wiederum Verwaltungstellen geschaffen wurden. Die Pflege und Kontrolle läuft aber ins Leere, denn es gibt ja ‚Spielräume‘.

PhDZeitWenn zum Beispiel eine TA aufgrund der Trägheit einiger Studenten das Praktikumslabor erst abends um 21:45 Uhr zuschließen kann, dann hat sie einen 14-Stunden-Tag hinter sich, da sie ja bereits morgens um 7:00 Uhr mit der Arbeit begonnen hatte. Das Zeiterfassungssystem honoriert diesen selbstlosen Einsatz für die Uni, indem es von den 14 Stunden einfach vier Stunden abzwackt, denn mehr als zehn Stunden pro Tag sind ja ‚verboten‘! Das macht aber nichts, denn ins elektronische Zeiterfassungssystem kann sich jede Angestellte einloggen und diese abgezwackten Stunden korrigieren, beziehungsweise sie sich anderswo wieder gutschreiben. Das muss dann allerdings schriftlich verfasst, ausgedruckt, vom Vorgesetzten gegengezeichnet und an die zentrale Verwaltung, Geschäftsbereich Personal, Referat ‚Zeiterfassung‘, gesandt werden. Es ist also reichlich Raum gegeben für verwaltungstechnische ‚Korrekturen’, weil die Verwaltung mit ihren vielseitigen Aufgaben ja total überlastet ist und das nicht auch noch alles kontrollieren kann. Daher wird erwartet, dass die Angestellten sich selbst kontrollieren (so, wie vor der Einführung des Erfassungssystems!) — ihre Zeiten also selbst erfassen und gegebenenfalls korrigieren.

Die Uni Darmstadt (vertrauliche Mitteilung!) plant jetzt, die Zeiterfassung auch auf die wissenschaftlichen Mitarbeiter auszudehnen. Das verursacht natürlich großen Unmut, weil Zeiterfassung als Wissenschaftskiller gesehen wird. Warum eigentlich? Es ist doch alles halb so schlimm; es kommt, wie es kommt. Es wird zwar sehr viel mehr Bürokratie, aber einen Weg, das System zu den eigenen Gunsten zu ‚korrigieren‘, findet man immer, weil die Verwaltung an der von ihr selbst verursachten Bürokratie erstickt. Und ist die Zeiterfassung tatsächlich ein Wissenschaftskiller? Nein, nicht wirklich — denn einen Doktorand, der sich auf seine halbe Stelle beruft und meint, er dürfte aufgrund der Zeiterfassung nur 19,5 Stunden pro Woche im Labor stehen, den schmeißt man am besten gleich in den ersten Wochen der Probezeit wieder raus.

Die Lesart in solch einem Falle ist somit folgende: Der Doktorand MUSS 19,5 Stunden in der Woche für das arbeiten, wofür er bezahlt wird, und die übrigen 148,5 Stunden der Woche DARF er sich seiner Doktorarbeit widmen. Dabei hat das MUSS mit dem DARF bei DFG-finanzierten Doktoranden einen hundertprozentigen thematischen Überlapp, während der Überlapp bei Landesstellen-Doktoranden wegen abzuleistender Hilfsdienste in den Lehrveranstaltungen nur bei etwa 99 Prozent liegt. Ein braver ‚halber‘ Doktorand kommt also um 9:00Uhr, und stempelt sich dann pünktlich um 14:00 Uhr aus, um dann unverzüglich ins Labor zurückzukehren und bis 26:00 Uhr zeitunerfasst an seiner Doktorarbeit weiterzuarbeiten.

Und da heißt es, an der Uni herrschten Logik und Weisheit…

(Illustr.: Fotolia / TSUNG-LIN WU)

Qualität zählt

2. September 2011 von Laborjournal

Das News Feature der aktuellen Nature-Ausgabe hat den Titel „The 24/7 Lab“ — mit der Unterzeile:

Working weekends. Leaving at midnight. Friday evening meetings. Does science come out the winner?

Es geht also um die Arbeitszeiten in der akademischen Forschung, wozu Autorin Heidi Ledford vor allem ein ziemlich krasses Beispiel liefert. Darin wird der „Chef“ etwa zitiert:

The people in my lab, they work 24 hours a day. They’re here over Christmas and New Year writing grant applications.

Natürlich gibt es auch den „Gegenpart“ des MIT-Forschers Stephen Buchwald, der als einer der meistzitierten Chemiker überhaupt verrät:

I urge the members of his lab to take a month’s holiday every year, and not to think about work when they’re gone. The fact is, I want people to be able to think. If they’re completely beaten down, they’re not going to be very creative.

Verblüffenderweise scheint er jedoch die Ausnahme. Diesen Beitrag weiterlesen »

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