„Bankrotterklärung“ — ein böser Brief an die DFG

5. Oktober 2015 von Laborjournal

Immer wieder müssen wir Laborjournal-Redakteure in älteren E-Mails wühlen. Und ab und zu stoßen wir dabei auf „alte Perlen“, die wir noch gar nicht richtig verwertet haben. So auch heute, als ich im Anhang einer Mail auf einen Brief stieß, in dem ein deutlich verärgerter Forscher die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) scharf für ihre Antrags- und Karrierepolitik kritisierte. Hier anonymisierte Auszüge daraus:

[…] Ich habe es damals als promovierter Wissenschaftler und später als Privatdozent erlebt, wie völlig unverantwortlich die deutsche Wissenschaftslandschaft (einschließlich der DFG) mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern umgeht. Diese wurden bis in ihre späten Dreißiger oder frühen Vierziger mit Stipendien und Drittmittelstellen gefördert, um ihnen dann mitzuteilen, dass leider keine weitere Verwendung für sie besteht (weil es eben nicht annähernd genügend Professoren-Stellen für alle Privatdozenten gibt). 

[…] Als seinerzeit 38-jähriger, der sich um ein Habilitationsstipendium bei der DFG beworben hatte, teilte man mir damals mit (und diese Formulierung muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen) dass: „… die Gutachter den Eindruck gewonnen hätten, dass ich ein erfahrener [XYZ]-Analytiker mit einer ansprechenden Zahl guter Publikationen sei — vielleicht einer der besten [XYZ]-Forscher des Landes….“! Gleichzeitig wurde mir jedoch auf Seite 2 des Schreibens beschieden, „… dass der Hauptgrund für die Ablehnung Ihres Antrages die Sorge der Gutachter war, dass die Habilitation nicht der richtige Berufsweg für Sie sei“ (das Schreiben liegt bei).

Dümmer und zynischer geht’s nimmer, würde ich mal sagen: Also auf der einen Seite „…einer der besten [XYZ]-Forscher des Landes“, und auf der anderen Seite „…nicht der richtige Berufsweg…“?! Dies ist ein typisches Kennzeichen für eine wissenschaftliche Bankrotterklärung, liebe DFG, eine völlig verfehlte Wissenschaftspolitik, an der sie — zugegebenermaßen — nicht allein, aber doch mitverantwortlich sind.

[…] Ich gestehe der DFG durchaus das Recht zu, sich in dem einen oder anderen Fall mal zu irren (beispielsweise bei mir). Ich weiß aber von vielen Kollegen aus Deutschland, dass wir es hier mit einem grundlegenderen Problem zu tun haben. Und dieses besteht darin, dass die DFG Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bis zu einem Alter von Ende dreißig/Anfang vierzig fördert, um ihnen dann einen Berufsweg in der Industrie zu empfehlen. Vielleicht erklären Sie ja mal dem einen oder anderen Sachbearbeiter in Ihrer Abteilung, dass die biochemische/pharmazeutische/medizinische Industrie Wissenschaftler im Alter von Ende zwanzig bevorzugt (und zwar promoviert, nicht habilitiert!) — und nicht etwa mit Anfang vierzig! Letztere sind dann potentielle Hartz IV-Empfänger, deren Ausbildung geschätzt mehrere 100.000 Euro verschlungen hat!

Übrigens, falls es Sie interessiert, wie es mit mir nach Ablehnung des Habilitationsstipendiums und Ihrer Empfehlung, einen Job in der Industrie anzunehmen, weiterging: Ich war damals ein Dreivierteljahr arbeitslos und habe in dieser Zeit weiter an meiner Habilitation gearbeitet. (Mein damaliger Vorgesetzter, Prof. […Name…] gestand mir das zu; er hielt das damals wirklich für sehr großzügig, mich in seinem Labor ohne Bezüge weiter arbeiten zu lassen…). Ich habe dann tatsächlich habilitiert, bin als Privatdozent nach […Stadt…] gegangen und habe dort mit einem Kollegen (Prof. […Name…]) ein von BMBF und DHGP gefördertes Projekt begonnen, das sich mit derselben Fragestellung beschäftigte, die ich in meinem Habilitationsstipendiums-Antrag an die DFG beschrieben hatte. Dieses Gebiet, die […Name…] (die Terminologie wurde von meiner Arbeitsgruppe geschaffen), ist mittlerweile eines der heißesten Gebiete in der Molekularbiologie — zum Beispiel gab es erst kürzlich den Nobelpreis dafür.

Seit vier Jahren bin ich nun an einer Medizinischen Universität im nahen Ausland Direktor der Abteilung für […XYZ…]. Als Direktor dieser Abteilung weigere ich mich dezidiert, für die DFG Gutachten auszustellen, die nicht nur wissenschaftliche, sondern viel weiterreichende Folgen für die Antragsteller haben könnten. Schaffen Sie erst vernünftige wirtschaftliche Rahmenbedingungen für über vierzigjährige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die tatsächlich in der Forschung arbeiten wollen. Setzen Sie sich für die Möglichkeit ein, unbefristete Stellen für qualifizierte und gute Forscherinnen und Forscher vergeben zu können. Üben Sie politischen Druck auf ihre Wissenschaftsministerin aus, damit sie sich um die “Lost Generation“ von Privatdozentinnen und Privatdozenten kümmert. Vergeuden Sie nicht das wissenschaftliche Potential, für das Millionen und Milliarden Euro an Steuermitteln investiert wurden.“

Soweit der Brief damals. Jetzt wäre natürlich interessant, ob überhaupt und, wenn ja, wie die DFG damals darauf reagiert hat. Ich denke, ich frage mal beim Verfasser nach…

 

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3 Kommentare zu „„Bankrotterklärung“ — ein böser Brief an die DFG“

  1. Michael sagt:

    Ich persönlich kann im Endeffekt niemandem mehr guten Gewissens empfehlen, ein biowissenschaftliches Fach zu studieren oder zu promovieren.

  2. D.S. sagt:

    Sehe das genauso wie Michael. Ich empfehle auch niemanden mehr ein naturwissenschaftliches Studium durchzuführen und was glauben sie wie den jungen Studenten die Gesichtszüge entgleisen wenn sie mitbekommen das quasi alle Wissenschaftler in der Arbeitsgruppe einen Zeitvertrag haben. Danach wollen einige nach dem Master abbrechen (bzw. machen das auch) und versuchen dann über irgendwelche vom Arbeitsamt bezahlten Projektleiterkurse in der Industrie unterzukommen.

  3. BadBoyBoogie sagt:

    Kommt mir vor wie ein DejaVu, wenn ich diesen Beitrag oben lese… gestern nachmittag fahre ich mit dem Shuttlebus vom Biotechnica-Haupttor zum Bahnhof Hannover-Laatzen, da komme ich mit einem Messbesucher (einem US-Amerikaner) ins Gespräch, der seit 11 Jahren in Deutschland forscht (u.a. in Göttingen, wie er sagte). Und wie’s der Teufel will: eben dieser Amerikaner beklagte sich bitter über das deutsche Wissenschaftssystem, wegen dem er sich nun seit 11 Jahren von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangele. Er habe übrigens Familie und Kinder hier in D, meinte dieser Wissenschaftler dann noch – und dass in den USA auch nicht alles wunderbar sei, natürlich nicht. Aber in ein paar Monaten laufe mal wieder sein Vertrag aus, und dann sitze er womöglich endgültig auf der Straße… es sei eine Schande, wie mit höchstqualifizierten Akademiker-Fachkräften hierzulande umgegangen werde.

    Er würde nie mehr das machen, was er gemacht habe, wenn er nochmal jung sein könne, meinte er noch. Will meinen: Er würde nie mehr eine Naturwissenschaft studieren und versuchen, an der Uni zu bleiben. Das sei nicht menschenwürdig.

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