Leidige Praxisprobleme

13. Februar 2015 von Laborjournal

Kaum einer zweifelt, dass Post-Publication Peer Review (PPPR) prinzipiell eine gute Sache ist. Was kann auch dagegen sprechen, wo und wie auch immer veröffentlichte Arbeiten im Nachgang online weiter zu kommentieren und zu diskutieren? Im besten Fall werden die Ergebnisse und Schlussfolgerungen womöglich robuster einsortiert oder es werden gar neue Ideen und Hypothesen angestoßen. (Ganz abgesehen davon, dass auch echte Flops umgehend entlarvt werden können — wie etwa konkret geschehen in den Fällen der Arsen-Bakterien oder der STAP-Stammzellen.) Im schlechtesten Fall frisst es einfach nur Zeit, aber das tun andere Dinge im Forschungsbetrieb noch auf viel sinnfreiere Weise…

Die konkrete Praxis des PPPR wird dagegen schon kontroverser diskutiert. Ein besonders „heißes“ Thema etwa ist, ob die Kommentatoren anonym bleiben dürfen — oder eben nicht. Selbst die zwischenzeitlich etablierten PPPR-Plattformen sind hier gespalten: Publons oder PubMed Commons lassen beispielsweise keine anonymen Kommentare zu, während PubPeer dagegen Anonymität explizit für wichtig hält.

Die Erfahrungen des Physikers und Postdocs Julian Stirling sprechen allerdings für keine der Varianten — zumindest in der Form, wie sie bislang praktiziert werden. In seinem Beitrag „The Dark Side of Post-Publication Peer Review“ bei physicsfocus berichtet er über die extensive PubPeer-Diskussion seines sehr kontroversen Artikels über gestreifte Nanopartikel — erst in der Pre-Print-Version bei arXiv, und schließlich auch in der finalen Version bei PLoS ONE. Zwar waren, wie Stirling schreibt, unter den insgesamt 277 (!) Kommentaren auch einige hilfreiche Beiträge. Schlussendlich aber bilanziert er:

That same PubPeer thread was not entirely a shining example of a victory for post-publication peer review. […] Unfortunately the vast majority appeared to be a Gish Gallop, an endless number of inconsistent and repeated arguments to give the appearance of a true debate, from someone we began to refer to as UnReg. This is where complete anonymity fails us. Anyone who wants to disrupt an online debate can simply flood it, and then hide under the veil of anonymity. Other, signed unregistered comments from ‘ProfSTM’ and ‘Bionanochair’ agreed with UnReg, but due to the lack of any registration these could easily be the same person. Sockpuppetry is a huge problem in online debates.

Auf der PLoS ONE-Website bekam Stirlings Artikel dagegen nur sechs vermeintlich „unterzeichnete“ Kommentare. Allerdings:

We first were contacted by someone claiming to be a Gustav Dhror. We engaged with him, but after a quick google we realised that it is a fake name. Not only is there no academic record for Dhror, there is no record of anyone of that name ever having existed. Once this was mentioned, ‘Gustav’ went quiet.

Soon afterwards, we were contacted by someone claiming to be Wei Chen, with a homepage of the Suzhou Institute of Nano-tech and Nano-bionics (SINANO). Checking the SINANO website, Chen is real. Finally, a real person to engage with! But the tone of the discussion felt oddly familiar, which prompted co-author Raphaël Levy (who has also blogged on this) to phone Chen just to confirm it was really him. The real Chen had no idea about the comments, and copied me into an email where he confirmed he had “never posted anything at PLOS ONE”.

Am Ende vermutet Stirling gar, dass hinter all diesen anonymen PubPeer-Kommentaren, wie auch hinter den erwähnten Phantom-Identitäten ein und dieselbe Person steckt. Kein Wunder daher, dass er quasi als „Moral von der Geschichte“ schreibt:

Post-publication peer review has the potential to speed up and enhance scientific discussion. But, whether or not comments are anonymous, there need to be checks to verify the identity of commenters – otherwise it quickly degrades into farce.

Offenbar läuft PPPR in der Praxis noch lange nicht rund.

(Foto: selimaksan / iStockphoto)
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