Männer nehmen lieber Männer

29. Juli 2014 von Kommentar per Email

(Unser Autor Leonid Schneider referiert in folgendem Text eine neue Studie, nach der in den Life Sciences insbesondere männliche Top-Forscher am liebsten weitere Männer in ihre Gruppe holen.)

Frauen sind in den oberen Rängen der Forschungshierarchie leider immer noch stark unterrepräsentiert. Gleichzeitig ist, zumindest in den Lebenswissenschaften, das Geschlechtsverhältnis unter den Studenten und sogar Doktoranden schon seit längerem gut ausbalanciert. Spätestens bei den Nachwuchswissenschaftlern aber, und erst recht unter Professoren wird die Männer-Dominanz überdeutlich. Dabei tun die Universitäten und andere Forschungseinrichtungen doch ihr Bestes, um mehr Frauen in Führungspositionen zu etablieren. Sie bieten beispielsweise Kinderbetreuung vor Ort an und weisen in jeder Ausschreibung auf die Bevorzugung von weiblichen Bewerberinnen hin. Warum schaffen es denn so wenige Frauen bis zur Professur? Eine kürzlich in PNAS erschienene Studie hat nun folgendes aufgedeckt: „in den Life Sciences stellen männliche Fakultätsobere weniger Frauen ein“. Die Autoren sind Joan Smith, Software-Entwicklerin bei Twitter, und Jason Sheltzer, Doktorand bei der ausgesprochen erfolgreichen Zellbiologin Angelika Amon am MIT in Boston.

Für ihre Analyse sammelten die Beiden die Daten von über 2.000 Doktoranden, Postdocs und anderen Fakultätsmitgliedern in 24 der angesehensten US-Forschungseinrichtungen — und zwar allesamt aus Arbeitsgruppen, die primär molekularbiologisch forschen. Die Autoren wollten wissen, ob es eine Geschlechtspräferenz bei der Einstellung von Doktoranden und Postdocs gibt. Schließlich entscheidet pro Gruppe nur eine Person über das Personal, weshalb in den USA – wie auch zunehmend in Deutschland — die ganze Arbeitsgruppe üblicherweise den Namen des Principal Investigators (PI) trägt. Der besondere Clou der Studie: Die Autoren haben gewisse Elite-Gruppen gesondert betrachtet — also diejenigen, deren PI entweder Mitglied der US-National Academy of Sciences ist, vom Edelförderer Howard Hughes Medical Institute gefördert wird, oder gar den Nobelpreis bzw. die National Medal of Science erhielt. Der Frauenanteil unter solcherart etablierten Eliteforschern war dem sonstigen Professorinnen-Durchschnitt mit etwa 20 % ähnlich. Nur unter 24 Nobelpreisträgern fanden sich lediglich zwei Frauen — was aber damit zu tun haben kann, dass Nobelpreise meist an ältere Forschergenerationen gehen.

Bezeichnenderweise jedoch fanden sich auffällig wenige Frauen unter dem wissenschaftlichen Nachwuchs dieser Elite-Institute als im US-Durchschnitt. Ebenso wiesen die 24 Elite-Einrichtungen einen niedrigeren Anteil an Frauen unter Doktoranden und Postdocs auf. Aber es kam noch dicker: Die als Forschungselite definierten männlichen Fakultätsmitglieder beschäftigten signifikant weniger weibliche Angestellte als deren „durchschnittliche“ PI-Kollegen. Diese Diskriminierung gegenüber Frauen war bei den Elitelabors, die von einer Frau geführt werden (wie etwa das Promotionslabor des Autors Sheltzer), nicht gegeben.

Weiterhin war der Anteil weiblicher Postdocs in den Männer-geführten Elitelabors noch viel niedriger als der Anteil der Doktorandinnen. Dabei war völlig gleich, ob der Herr des Labors selbst jung war oder noch aus der Zeit kam, als Frauen in der Forschung noch selten waren. Fazit von Smith und Sheltzer daher: Männliche Eliteforscher stellen offenbar seltener Frauen als Postdocs ein; und ganz besonders die Nobelpreisträger unter ihnen scheinen ihren eigenen Geschlechtsgenossen einen sehr auffälligen Vorzug bei dieser wichtigen Karrierestufe zu geben. Diese Diskriminierung der Frauen durch männliche Chefs war sogar dann immer noch deutlich, als die Autoren gezielt die eher Männer-assoziierten „mathematischen“ Fachbereiche der Biologie wie Biophysik und Bioinformatik aussiebten.

Bekanntermaßen ist es besonders karriereentscheidend, in welchem Labor man promoviert und — noch wichtiger — wo man Postdoc gemacht hat. Viele spätere Professoren waren früher Postdocs in einem Elitelabor, was ihnen dann entsprechende Publikationsleistungen und effektives Karriere-Networking ermöglichte. Daher ist es wohl kaum Zufall, dass Postdoc-Forscherinnen von den männlichen Chefs der Hocheffizienz-Labore stärker diskriminiert werden als junge Doktorandinnen. Doktoranden gelten in vielen Labors gemeinhin als billige und hoch belastbare Arbeitskraft. Postdocs dagegen stehen auf der Schwelle zur Unabhängigkeit – schließlich werden sogenannte Nachwuchswissenschaftler meist unter ihnen rekrutiert. Daher ist es schon bedenklich, wenn männliche Elite-Forscher zwar gerne Frauen als fleißige Labormitarbeiter einstellen, für die spätere akademische Zukunft aber eher geschlechtsgleiche Kollegen nominieren.

Wenn die frühe Karriere in einem Elitelabor entscheidend ist, so müssen Frauen mehrere Hürden auf dem Weg zur wissenschaftlichen Unabhängigkeit nehmen: sie buhlen also entweder um die wenigen Stellen in frauengeführten Elite-Labors — oder sie müssen gegen ihre zum Teil weniger qualifizierten Männerkollegen ankämpfen, um einen männlichen Chef zu überzeugen.

Es ist natürlich nicht wirklich klar, warum Männerchefs sich eher für männliche Mitarbeiter entscheiden. Die Autoren verweisen zwar auf andere Studien, nach denen gleichwertige Doktoranden– und Labormanager-Bewerbungen von Frauen und von Minderheiten eher aussortiert werden – wie auch, dass Familienplanung für Frauen, aber nicht für Männer, grundsätzlich als Karrierehindernis gilt. Andererseits zeigen zahlreiche Untersuchungen, dass Frauen, trotz objektiv gleicher Qualifikationen, sich oftmals subjektiv als fachlich schwächer einschätzen und sich deshalb eine akademische Karriere seltener zutrauen als die männliche Konkurrenz. Frauen neigen auch eher dazu, zugunsten der Karriere ihres Partners auf die eigene zu verzichten. Alleine deswegen kann es natürlich schon sein, dass weniger Frauen sich bei renommierten Eminenzen als Postdocs bewerben.

Um den Status Quo der Männer-Dominanz unter Professoren zu ändern, wäre es nun interessant zu untersuchen, ob Männer auch bei der Besetzung der Nachwuchsgruppenleiter- und Professorenstellen bevorzugt werden. Die Autoren verweisen auf Ergebnisse von europäischen Studien (hier und hier), dass Männer-dominierte akademische Berufungskommissionen entsprechend voreingenommen wären. In einer Situation, in der ein männlicher PI alleine über Doktoranden und Postdocs entscheidet, ist daher eine Diskriminierung der Frauen nicht auszuschließen, auch wenn diese nur unterbewusst ist. Es wäre folglich ein guter Anfang, wenn die Männer in der Forschungselite sich dieses Problems bewusst würden.

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1 Kommentar zu „Männer nehmen lieber Männer“

  1. Trickster sagt:

    „Doktoranden gelten in vielen Labors gemeinhin als billige und hoch belastbare Arbeitskraft.“

    Es geht hier aber schon um US-Labore. Da sind Doktoranden teuer (Universitätsgebühren trägt das Labor) und Postdocs kosten gar nichts, denn kommen dürfen sie nur mit Stipendium. Zumindest funktioniert dass so in den „Elite“-Laboren.
    Und die eigentliche Frage wird in der Diskussion des papers angerissen: Bewerben sich weniger (gute) Frauen als Postdoc und insbesondere bei den Elite-Laboren, oder gibt es tatsächlich eine ausgeprägte Selektion seitens des PI? Oder gibt es einfach viel mehr erfolgshungrige Männer, die den Elite-laboren die Tür einrennen?

    Fragen über Fragen…

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