„Das Bachelor-Bashing geht mir auf die Nerven“

26. November 2009 von Laborjournal

(Gastbeitrag zu den aktuellen Studentenprotesten von Gerd Klöck, Professor für Bioverfahrenstechnik an der Hochschule Bremen)

iStock_000009013281SmallMöglicherweise hat es bei der Umsetzung der Reformvorschläge aus Bologna Probleme gegeben, aber das „alte“ Diplomsystem sollte nicht einfach nostalgisch verklärt werden. Der Bachelor kann vielen Studienprogrammen im Gegenteil sogar gut tun. Nehmen wir als Beispiel die Biologie an der Hochschule Bremen. Biologie an einer Fachhochschule, das geht doch gar nicht, erst recht nicht als Bachelor. Was sollen die schon können?

Na, zuerst einmal mit dem typisch deutschen  Vorurteil aufräumen, das man von seinem Titel auf den Menschen schließen kann. Nehmen wir die wesentlichen Kritikpunkte am Bachelor einmal auf:

Mit der Mobilität der Studierenden geht es steil bergab.

Mag sein, aber unsere angehenden BiologInnen an der Hochschule Bremen gehen im Bachelorstudiengang verplichtend für ein volles Jahr in Ausland. Dabei können sie Studienort und Land weitgehend frei wählen. Manche bleiben dann gleich in der neuen Heimat und setzen dort ihre Studien erfolgreich fort, machen einen Master oder promovieren. Mobilität kann man nach unserer Erfahrung ohne Probleme in die Bachelor-Studiengänge einbauen, wenn man nur will. An der Hochschule in Bremen gibt es dafür noch viele andere Erfolgsbeispiele.

Viele Bachelor-Studiengänge sind kaum studierbar.

Auch wir haben sicher bei der Umstellung des Studienprogramms vom Diplom auf den Bachelor anfangs eine Menge handwerklicher und auch konzeptioneller Fehler gemacht. Aber aus Fehlern kann man auch lernen. Im engen Dialog mit den Studierenden haben wir die meisten mittlerweile bereinigen können. Es hilft dabei sehr, wenn Hochschullehrer einfach mal mit Studierenden offen reden, und auch auf die Ratschläge von Studierenden hören.

Angesichts der Arbeitsbelastung bleibt im heutigen Studium kaum noch Zeit für anderes.

Das stimmt wohl, war aber auch vor Bologna ein Problem. Hier ist die Forderung der Studierenden nach mehr Stipendien und einer Anpassung des Bafögs nur zu unterstützen. Wir beobachten aber auch, dass die klarere Strukturierung des Bachelor-Studiums es jungen Menschen aus sogenannten bildungsfernen Schichten deutlich leichter macht, sich im Hochschulbetrieb zurecht zu finden.

Die soziale Auslese beim Zugang zur Hochschule nimmt zu.

Mag ebenfalls so sein, aber das wird auch nicht besser, wenn man den Bachelor verteufelt und schlecht redet. Ich muss als Hochschullehrer den Studierenden schon eine finanzielle Perspektive in dem angestrebten Beruf bieten können, sonst ist das Studium gerade für die sozial Schwächeren ein völlig unkalkulierbares Risiko! Ein Kernpunkt der Bolognareform war die Forderung nach der Berufsbefähigung des Bachelors, die von vielen Kollegen immer noch einfach nonchalant abgetan wird: Das ginge doch gar nicht, und besonders nicht in der Biologie. Geht doch! Unsere Bachelor-AbsolventInnen werden von uns auf den Beruf als BiologInnen vorbereitet, und finden, wenn sie wollen, in der Regel in wenigen Wochen nach dem Abschluss auch einen Job in der Wirtschaft. Wenn ich mich mit meinen AbsolventInnen unterhalte, bin ich manchmal fast neidisch auf die spannenden beruflichen Aufgaben, die sie gefunden haben.

Also, redet die Bachelor nicht schlecht, das haben sie nicht verdient. Redet lieber mit euren Profs und macht ihnen Beine, ihre Verantwortung gegenüber den Studierenden ernst zu nehmen.

(Dieser Beitrag erscheint gleichzeitig als Editorial auf  Laborjournal online.)

(Foto: iStockphoto / Stockphoto4u)

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8 Kommentare zu „„Das Bachelor-Bashing geht mir auf die Nerven““

  1. BadBoyBoogie sagt:

    Ich würde dem guten Herrn Klöck seine engagierten Worte ja gerne abnehmen, allein mir fehlt ein wenig der Glaube (und vor allem belastbare Zahlen).

    Dass die „meisten handwerklichen und auch konzeptionellen Fehler im engen Dialog mit den Studierenden mittlerweile bereinigt“ sind, würde ich gerne glauben – sofern mir das ein Vertreter der Bremer Biostudentenschaft bestätigt.

    Und dass die Bremer Bachelor-Absolventen „in der Regel in wenigen Wochen nach dem Abschluss auch einen Job in der Wirtschaft finden“, mag ebenfalls sein – oder auch nicht. Haben Sie dazu konkrete Zahlen, Herr Klöck?

    fragt BBB

  2. SM sagt:

    Als ein Bsc/Msc-Student erster Stunde (sowohl in einem frisch geschaffenen Bsc-, als auch in einem jungfräulichen Msc-Studiengang) durfte ich die Umstellung in vivo erleben.
    Herrn Klöcks Punkten kann ich großenteils zustimmen, wenn auch mit einigen Ausnahmen. Die Mobilität ist leider immer noch ein Problem, da die Länder der EU verschiedene Credit-Point Zeitkonten führen. In Deutschland sind dies 30h Zeitaufwand für einen CP, in anderen Ländern variiert diese Zahl, was einem die Kursanrechnung zu einem Glücksspiel macht. Ebenso waren und sind noch immer viele Berater der Auslandsämter/Studienberatung hoffungslos überfordert in Beratungsgesprächen. Ob man als Bsc-Student gegen Ende seines Bachelors in einen anderen Bachelor-Studiengang im Ausland Module absolvieren soll, nach dem Bsc in einen Master- oder wieder einen Bsc-Studiengang gehen sollte etc. ist in vielen Fällen eine unlösbare Frage.
    Der Zeitaufwand ist in der Tat ziemlich umfangreich. Grundlegendes Problem hierbei ist die versuchte Umsetzung einer wöchentlichen Arbeitszeit von 40h wie bei einem Vollbeschäftigten. Da ein Semester jedoch kein halbes Jahr durchgehender Lehre ist, sondern es auch eine nicht unerheblich kurze Vorlesungsfreie Zeit gibt in der kaum Lehrveranstaltungen stattfinden, komprimiert es den zu schaffenden Stoff auf eine dann minimale Zeit. Hier waren bzw. sind nun die Dozenten gefragt ihre Lehrveranstaltungen nicht wie üblich mit einem neuen, anglizismen-strotzenden Namen zu versehen bei gleichzeitiger Beibehaltung des jahrzehntealten Inhalts.
    Wie an den meisten Universitäten, wurde auch an meiner die Umstellung wie ein unliebsames Kind ab- bzw. aufgeschoben und erst im letzten Augenblick angegangen. Das die Umstellung eine Chance und Möglichkeit darstellte, haben die meisten Dozenten bis heute anscheinend nicht verstanden. Allenthalben wird einem das Prädikat „Schmalspurstudent“ aufgedrückt und die „gute, alte Diplomer-Zeit“ romantisch verklärt. Das diese kontemplative Besinnlichkeit in praktischen Kursen ein manchmal abruptes Ende an der Bench findet, wird zu gern totgeschwiegen. Als Bsc/Msc-Studenten empfinden meine Kommilitonen und ich uns als keineswegs ungebildeter und schlechter ausgebildet als bisherige Diplom-Studenten. Vielmehr ists oft erstaunlich das Studenten zweistelligen Semesters im Hauptstudium nach einer 545-Mikroliter-Pipette fragen oder einen mit großen, ungläubigen Augen anstarren wenn man selbständig eine Zentrifuge beladen kann bzw. mit dem Kursbetreuer über Vor- und Nachteile von Antibiotika in Primärzellkulturen diskutiert.
    Als hilfreich hat sich ein Mentoring-System erwiesen in dem Studenten mit (motivierten!) Dozenten über Probleme, Schwachstellen oder trivialere Fragen zur persönlichen Zukunft diskutieren können. Idealerweise geschieht dies auf Augenhöhe und nicht wie via so oft vom transzendenten Lehrstuhl hinabgeworfenen Brosamen professoraler Gnade.
    Die Reform ist für viele eine nichterkannte Möglichkeit festgefahrene Lehrveranstaltungen zu optimieren und in Sachen Nutzen zu verbessern. Die frühe Beschäftigung mit einem eigenständigen Thema (der Bachelor-Thesis) gibt dem Studenten die Möglichkeit bereits nach 6 Semestern an etwas „eigenem“ zu arbeiten. Viele stellen dann (und nicht erst nach 10 Semestern) fest, das Versuchsplanung, selbstständiges Arbeiten & Denken ihnen nicht liegt. Haben dann aber den Vorteil das sie immerhin einen ersten Abschluß erreichen bevor sie sich anders orientieren.

  3. Gerd Klöck sagt:

    OK, hier die gewünschten Fakten: Unsere Studierenden haben gerade eine Geschäftstelle der bts gegründet, da kann man die direkt erreichen und nach ihrer Meinung fragen. Zu Jobs der Absolventen: Seit dem Absolventenjahrgang 2003 haben wir eine weitgehend vollständige liste des Einstiegspositionen in der Wirtschaft. Ich kann diese gerne Interessierte zukommen lassen. gk

  4. Ralf Neumann sagt:

    Auch die Österreicher „bashen“ den Bachelor. Siehe hier.

  5. BadBoyBoogie sagt:

    Lieber Herr Klöck,
    danke für die rasche Antwort, die sich zumindest überzeugend anhört und deren Inhalt von SM auch gestützt wird.
    Gut auch, dass Sie Zahlen & Daten erheben und nicht nur luftig rumtönen wie viele Ihrer Kollegen.
    Freundliche Grüße
    BBB

  6. Max Muster sagt:

    Zum Thema möchte ich auf den äußerst lustigen Blog bachelorbashing.blogspot.com hinweisen. Bachelor-Witze sind meiner Meinung nach nicht so negativ zu sehen, sondern genauso zu akzeptieren, wie Fritzchen-Witze.

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