Wenn ich groß bin, werde ich Risikobewerter…

11. Februar 2014 von Kommentar per Email

(Gibt es einen Trend, dass in den Ausschreibungen für Life Science-Stellen die Anforderungen an potenzielle Bewerber immer „enger“ werden? Unser Autor Leonid Schneider ist überzeugt davon — und seziert als Indiz dafür die jüngsten Stellenausschreibungen des Bundesamts für Risikobewertung BfR.)

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Es gibt Jobs, für die sind nur Wenige geeignet. Astronaut zum Beispiel. Oder Bundeskanzler. Oder auch: Professioneller Risikobewerter im Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin (http://www.bfr.bund.de).

Da die Aufgabe dieses Instituts — die Gefahreneinschätzung von Chemikalien, Lebensmitteln, Partikeln, etc. — sehr wichtig ist, werden potenzielle Job-Kandidaten entsprechend streng ausgewählt. Zumal diese Leute ja später auch verbeamtet werden sollen. Das Institut legt daher ganz besonderen Wert darauf, dass Wissenschaftler sich mit ihrem potenziellen Arbeitsgebiet sehr gut auskennen — am besten, schon bevor sie als Kandidaten überhaupt in Frage kommen.

Natürlich kann nicht jeder beliebige Lebenswissenschaftler oder Chemiker einfach daher kommen und vom BfR Einlass in eine Karriere verlangen. Solche Quereinsteiger sollen sich ihre alternativen Karrieren bitte schön woanders suchen. Wie ich darauf komme? Was mir schon seit einiger Zeit auffällt, ist folgendes: Bei praktisch jeder Stellenausschreibung verlangt das BfR unter den „Anforderungen“, dass die nachweisbaren Vorkenntnisse und die Berufserfahrung nahezu exakt zu dem anvisierten Aufgabenbereich passen müssen.

Bei vielen Postdoc-Ausschreibungen in der akademischen Forschung ist das inzwischen zwar auch oft der Fall, aber meist geht es hier eher um ganz bestimmte technische Methoden und weniger um präzise definierte Forschungsfelder. Das BfR jedoch geht bei seinen Stellenausschreibungen für promovierte Wissenschaftler noch einen gehörigen Schritt weiter. Nicht nur für verantwortungsvolle Leitungsfunktionen, nein auch als Junior-Wissenschaftler in den Entgeltgruppen (EG) TVöD 13 und 14  muss man schon vorher genau an dem gewünschten Thema gearbeitet haben — sonst braucht man sich erst gar nicht zu bewerben.

Mit einer kurzen Internet-Recherche habe ich gleich einige solcher kuriosen BfR-Stellenausschreibungen gefunden. So war für eine Tätigkeit in der Fachgruppe „Epidemiologie und Zoonosen “ (EG 14, 75%, Kennziffer: 1098/2013) unter anderem die vorherige Leitungsfunktion in einem Mikrobiologielabor und die Spezialisierung auf Zoonoseerreger erforderlich. Ähnlich musste man für die Gruppe „Zoonosen und Lebensmittelsicherheit entlang globaler Warenketten“ (bis EG-14, Kennziffer: 1060/2013) als Epidemiologe auf zoonotische Erkrankungen spezialisiert sein und administrative Projektleitung vorweisen können. Bei der Fachgruppe für Ballastwasser-Behandlungsmethoden (bis EG-14, Kennziffer: 1087/2013) wünschte das BfR mit Nachdruck Kenntnisse und Erfahrungen in der Expositionsschätzung von marinem Wasser. In der Ausschreibung einer ähnlichen Stelle (Kennziffer: 1086/2013) waren die Anforderungen an die vorausgegangene Berufserfahrung gar noch härter — z.B. waren „Praktische Erfahrungen … im Bereich der biologischen Akkumulation und des Bioabbaus“ verlangt. Und für eine Stelle in der „Toxikologie und Exposition von Pflanzenschutzmitteln“ (Kennziffer: 1106/2013) musste der Kandidat „mehrjährige berufliche Erfahrung“ in exakt diesem Gebiet vorweisen können.

Es wird aber noch merkwürdiger. Bei der Ausschreibung für „eine/n Wissenschaftliche/n Mitarbeiterin/Mitarbeiter“ (Kennziffer: 1063/2013)suchte das BfR einen promovierten Wissenschaftler — aber nur für eine halbe Stelle. Um dort auf dem Gebiet „Schadstoffe im Hausstaub: Ermittlung der tatsächlichen Hausstaub-Aufnahme“ anfangen zu dürfen, galt die Voraussetzung bereits „Erfahrungen in der Schätzung der Exposition mit Stoffen über den Hausstaubpfad“ vorweisen zu können. Analog sucht(e) das BfR für befristete halbe und dreiviertel Stellen in der Gruppe „Mykotoxine in Lebens-  und Futtermitteln“ promovierte, sowie in Massenspektrometrie und Liquid-Chromatographie erfahrene Lebensmittelchemiker, „dazu mit Spezialisierung auf Mykotoxine“ (Kennziffer: 1020/2012 und 1115/2013).

Zwar schreibt das BfR auch Stellen im EG-13 Bereich aus, die für deren Verhältnisse etwas weniger streng ausgelegt sind — meist reichen allgemeine Berufserfahrungen in der Toxikologie. Diese Stellen sind aber auf ein Jahr oder sogar weniger befristet (z.B. Kennziffer: 1127/2014 und 1126/2014). In solchen „Notfällen“ ist das BfR wohl gezwungen, auch potenziell „unzuverlässige Kandidaten“ zu berücksichtigen.

Bleibt noch, dass das BfR auch Doktoranden ausbildet, die es nach EG-13 50% bezahlt. Wo es sich doch um junge Universitätsabsolventen handelt, sollten doch zumindest hier die Anforderungen an die Spezialisierung und Berufserfahrung weniger streng sein — oder? In der Abteilung Chemikaliensicherheit  des  BfR  suchte man beisspielsweise für die Fachgruppe „Toxikologie der Pestizide und Biozide“ einen in der Toxikologie berufserfahrenen Doktoranden, mit „experimentellen Erfahrungen in In-vitro-Methoden, sowie in Genomics oder Proteomics“ (Kennziffer: 887/2011). In der Fachgruppe „Epidemiologie, Biometrie und mathematische Modellierung“ (Kennziffer: 1055/2013) musste man als Kandidat für eine Doktorandenstelle entsprechend bereits Berufserfahrung als Statistiker, Mikrobiologe, Programmierer wie auch Praxis in der Risikobewertung mitbringen. Für die Mitarbeit bei der „Darm- und Lebertoxizität von Nanopartikeln“ (Kennziffer: 1133/2014 und 1123/2014) müssen die angesprochenen Molekular- und Zellbiologen zudem noch Analytische Toxikologie und Massenspektrometrie beherrschen. Die aktuellen Ausschreibungen für Doktoranden (!) haben es also ebenfalls in sich.

Fragt sich: Gibt es denn tatsächlich so viele so gut passende Bewerber da draußen? Oder bleibt das BfR auf seinen offenen Stellen sitzen, weil niemand wagt, sich dort als unpassender Kandidat zu bewerben? Wohl kaum.

Wie aber finden sie ihre Leute? Ich will mal grob spekulieren, und nutze dabei die folgende Ausschreibung für Diplomanden und Masterstudenten vom Februar 2013 als Vorlage: http://www.bfr.bund.de/cm/343/ausschreibung-fuer-diplomanden-und-master-studenten.pdf. Die Anforderungen speziell hier: „Studium der Biologie, Biochemie, Lebensmittelchemie, Ernährungswissenschaften oder einer vergleichbaren naturwissenschaftlichen Disziplin“. Sonst nichts. Ganz anders als bei den übrigen Ausschreibungen für wissenschaftliche Mitarbeiter und Doktoranden. Alles weitere würde laut Ausschreibung beigebracht — also Zellbiologie, Molekularbiologie, Proteinchemie, Analytische Toxikologie und Massenspektrometrie. Erstaunlicherweise also genau das, was das BfR in der gerade eben — also knapp ein Jahr später — veröffentlichten Stellenausschreibung für Doktoranden (s. oben, Kennziffer: 1133/2014 und 1123/2014) als notwendige Voraussetzungen fordert.

Ein Schelm, wer jetzt denkt, man komme nur an die schönen Beamtenjobs beim BfR, wenn man bereits als Student einsteige — und sonst eher nicht. Daher folgender Rat an junge Schüler: Wenn ihr mal Risikobewerter im Beamtenstatus werden wollt, studiert also exklusiv mit dem Ziel, für ein Praktikum und spätere Masterarbeit beim BfR ausgewählt zu werden.

Das BfR möchte ich aber fragen: Haben Sie tatsächlich eine so spezifische Unternehmenskultur, dass man sich diese als Quereinsteiger unmöglich aneignen könnte? Sind dem BfR jahrelange Zugehörigkeit und seit jungen Jahren antrainierte Loyalität so wichtig, dass an externen Kandidaten offenbar keinerlei Interesse besteht? Oder warum sonst stellen Sie berufliche Erfahrungen in ganz exakt definierten und eingegrenzten Aufgabenbereichen, die man logischerweise viel eher beim BfR selbst als woanders sammeln kann, über die tatsächlichen Kompetenzen und wissenschaftliche Leistungen der potenziellen Bewerber?

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12 Kommentare zu „Wenn ich groß bin, werde ich Risikobewerter…“

  1. Karl sagt:

    Das ist doch häufig so: Da werden Stellen überspezifisch ausgeschrieben, damit die Wunschkandidaten auch eingestellt werden können. Da frage ich mich manchmal, ob die sowas anhand des Lebenslaufes des potentiellen Bewerbers schreiben. Habt ihr mal das BfR kontaktiert? Ich habe mich da auch schon mal auf eine interessante Stelle beworben, auf die ich ganz gut gepasst hätte. Und bin abgelehnt worden.

  2. Hanna sagt:

    Hallo zusammen,

    beim BfR wäre ich sehr, sehr vorsichtig! Das meiste an dem Institut ist einfach nur Werbung und die Auswahl der Mitarbeiter ist auch nicht so streng! Wissenschaftlich ist das Institut relativ niedrig angesiedelt. Passt auf, dass Ihr da nicht ganz grob reinfallt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung ist eine krasse Karrierefalle!

    VG, Hanna

  3. Ralf sagt:

    Super schlechter Ruf des BfR

    Was Ihr hier lest ist einfach nur Werbung! Das hat nichts mit der Realität am Bundesinstitut für Risikobewertung zu tun. Der Ruf und die Arbeitgeberbewertungen (siehe Kununu & Co) des BfR sind super schlecht! Ich kann jeden nur warnen, der da anfangen will!

  4. Maximilian sagt:

    Glaubt bloß nicht was da steht!

    Ich war mal beim Bundesinstitut für Risikobewertung zu ’nem Praktikum in Berlin. Die Reputation nach außen und was man drinnen erlebt stimmen absolut nicht überein. Das Institut ist einfach nur grausig! Die Fachgruppe war total in Grüppchen zerfallen, die sich untereinander nicht leiden konnten und gegenseitig das Leben schwer machten.

    Das einzige, was ich beim Praktikum am BfR mitgenommen habe ist, dass ich dort auf keinen Fall später arbeiten möchte!

    Gruß,
    Max

  5. B. Weber sagt:

    Größter Saftladen, den ich kenne! Selten so ein Quatsch gelesen…

  6. M. Weibuhl sagt:

    Das Bfr kann ich überhaupt nicht empfehlen. Die Atmosphäre am Institut ist nicht so toll. Die Chefs benehmen sich wie Könige und wollen auch so behandelt werden. Wenn man da nicht mitspielt, kriegt man leicht Probleme. Die Zusammenarbeit zwischen den Mitarbeitern ist auch nicht gut. Viele Leute die schon länger da sind haben praktisch keine Motivation mehr was zu machen.

    Das Institut macht auch viel Werbung nach außen. Fallt da bloß nicht drauf rein!

  7. Adriana sagt:

    Ich habe hier meine Masterarbeit geschrieben. Das Institut ist nicht zu empfehlen! Das Thema war absolut schlecht und der Chef hatte selbst keine Idee, wo das ganz hinlaufen soll. Weiterhin konnte mir auch keiner richtig in der Gruppe helfen. Ich hatte auch den Eindruck gewonnen, dass die Mitarbeiter über wenig fundiertes Fachwissen verfügen!

    Passt also auf, wenn Ihr hierhin gehen wollt. Die Reputation des BFR ist in Wirklichkeit nicht so gut!

  8. Ralf Neumann sagt:

    Der Wissenschaftsrat hat das BfR gerade nicht ganz so schlecht begutachtet: http://www.wissenschaftsrat.de/index.php?id=1308&L=

  9. Günther Schmidt sagt:

    Hallo zusammen,
    hallo Ralf,

    hier mal eine Meinung zu der Begutachtung, die meiner Meinung nach nicht so gut ausgefallen ist. Wenn man sich mal das Ergebnis und die Empfehlungen ab dem zweiten Abschnitt genau durchliest, werden hier schon gravierende Schwächen des Instituts angesprochen.

    – mangelnde, klare Konzepte im Bereich Risikoforschung
    – systematische Durchführung von Projekten
    -> in der Realität werden hier oft die Ziele am Ende formuliert, um einen positiven Projektabschluss vorzutäuschen
    – sinnloses Verbrennen von finanziellen Mitteln
    -> liegt meist an mangelndem Knowhow und Ausstattung, wo oft auch bei der Einwerbung geflunkert wird
    – mangelnde Mitarbeitermotivation wird zwar nicht angesprochen, ist aber ein Hauptgrund für die schlechten Ergebnisse
    -> viele Mitarbeiter sind dauerkrank oder machen nur das nötigste und sind auch nicht besonders bestrebt, sich neue Kenntnisse anzueignen

    Meiner Meinung nach liegt die Lösung der Probleme am Institut nicht in der Aufstockung von Personal und Mitteln, sondern wie auch im Bericht der Gutachter in besserer Koordination und Organisation!

  10. Frank sagt:

    Das ist kein Witz: In der Kantine des Bundesinstituts für Risikobewertung kommen Tiere aus Tierversuchen auf den Teller. Es ist gerade zu zynisch, bei Facebook damit noch Werbung zu machen…

    https://de-de.facebook.com/bfrmarienfelde

  11. Marc sagt:

    Janz übler Laden! Ich habe hier mal gearbeitet und die Methoden der Leitung hier sind schon ziemlich rabiat. Keine Informationen was man genau machen soll. Danach wird man erstmal ausgemeckert, dass man nicht das richtig gemacht hat. Nennt man glaube ich Mobbing. Schlechte Ausstattung!!! Das Selbstbild, dass das Institut von sich verbreitet ist auch total überhöht.

    Bin echt froh, dass ich da weggekommen bin!

  12. Maria sagt:

    Was in dem Text oben geschrieben wird hat nichts mit der Realität zu tun! Das BfR ist als Arbeitgeber sehr schlecht und bietet wenig Möglichkeiten für eine Karriere bzw. Festanstellung. Googlet am besten mal nach Euren künftigen Chefs/Fachgruppe. Am BfR gibt es überdurchschnittlich viele schlechte Charakter!

    Hier noch ein paar andere Seiten mit Bewertungen zum BfR:

    https://www.kununu.com/de/bundesinstitut-fuer-risikobewertung

    https://www.glassdoor.de/Bewertungen/Bundesinstitut-f%C3%BCr-Risikobewertung-Bewertungen-E815569.htm

    https://de.indeed.com/cmp/Bundesinstitut-F%C3%BCr-Risikobewertung

    http://www.meinchef.de/unternehmen/berlin/21341-bundesinstitut-fuer-risikobewertung.html

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