Sind Fehler wirklich soooo schlimm?

29. Oktober 2013 von Laborjournal

Eine unserer Lieblings-Kolumnen, aus denen wir immer wieder Futter für unsere eigenen beziehen, schreibt seit 2000 Monat für Monat der US-Strukturbiologe Gregory Petsko in Genome Biology. Kürzlich las unser Chefredakteur mal wieder einen „Petsko“, konkret seinen 2008er-Aufsatz „The right to be wrong“ — und übersetzte daraus gleich mal folgende Passage für den LJ Blog:

Der Wettbewerb um Forschungsgelder wie auch darum, wichtige Entdeckungen zu publizieren, ist schärfer als je zuvor. Gleichsam gewachsen ist damit aber auch die Versuchung, die Fehler unserer Konkurrenten übermäßig aufzublasen, ihre „falschen“ Schlussfolgerungen zu übertreiben und die Mängel ihrer Arbeit heraus zu posaunen. Was jedem am Ende natürlich noch mehr Angst macht, Fehler zu machen — geschweige denn sie einzugestehen.

Das Ergebnis ist natürlich ein Klima der Furcht, fest eingegrabene Positionen — und konservative Wissenschaft. Förderorganisationen und Gutachter wollen schließlich nicht angeklagt werden, dass sie  unkorrekte Arbeit unterstützen — also fördern sie nahe liegende und sichere Projekte, auf Kosten der gewagten und riskanten. Wissenschaftler wollen für einen Fehler nicht von ihren Kollegen an den Pranger gestellt werden — also neigen sie dazu, nahe liegende und sichere Projekte durchzuführen, und meiden die gewagten und riskanten. Und diejenigen, die tatsächlich „ausrutschen“, werden häufig mit einer Härte bestraft, die in keinem Verhältnis zur wirklichen Bedeutung von dem steht, was sie „verbrochen“ haben.

Ich befürchte gar, dass ein wesentlicher Anteil an der aktuellen „Begeisterung“ für die rein Daten-sammelnde Biologie — im Gegensatz zur Hypothesen-getriebenen — von genau diesem Klima herrührt. Diese sogenannte ‚Entdeckungs-orientierte‘ Forschung (Discovery-oriented Research) scheint ja auch so viel sicherer: so lange Du die Sequenz richtig hinbekommst oder die Kristallstruktur korrekt erhältst, so lange Du einfach die Masse der Daten lieferst, die Du versprochen hast — so lange kannst Du kaum einen Fehler machen. Da man aus solchen Daten nur offensichtliche Schlussfolgerungen ziehen kann, sind Fehler bei der Interpretation praktisch unmöglich. Überdies benötigt reines Datensammeln in der Regel kein allzu cleveres experimentelles Design, welches zahlreiche Kontrollen erfordert, um Artefakte zu vermeiden. Und nicht zuletzt mögen die Förderorganisationen solche Projekte, weil sie auf greifbare Ergebnissen zeigen können, die immer irgendwie „richtig“ sind.

Wenn wir aber nicht vorsichtig sind, wird jedoch dieser Drang, gleichsam diejenigen von uns zu bestrafen, die Fehler machen, am Ende vor allem eines bewirken: dass sich einige der besten aus einer ganzen Generation von Wissenschaftlern abwenden von dem schwierigen, aber wesentlichen Job, zu verstehen, was all diese Daten wirklich bedeuten.

(Mehr Petsko-Kolumnen gibt es unter anderem hier.)

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3 Kommentare zu „Sind Fehler wirklich soooo schlimm?“

  1. Wir hier nennen die von Petsko so akkurat beschriebene Forschung „No-risk science“.

  2. Ralf Neumann sagt:

    Wir nannten sie erst vor kurzem “Just Around The Corner”-Forschung: http://www.laborjournal.de/blog/?p=6847. Oder sprachen im Heft mal von „Low Hanging Fruits“-Projekten.

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