Der ganz normale Wahnsinn im Labor (3)

16. September 2013 von Laborjournal

„Und, wie war der Urlaub?“

Ja, es ist gerade die Zeit, in der Doktoranden, Postdocs und Co. allzu oft genau diese Frage entgegen geschleudert wird. Und für die Vielen unter ihnen, die darauf nur mit irrem Blick und einem großen Fragezeichen antworten können, sei der folgende Text ausgegraben, den einst eine Doktorandin unter dem Pseudonym „Sirene“ für Laborjournal schrieb (Heft 9/98):

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Morgen frag ich ihn

Sonne, Strand, Meer. Türkisblaue Lagunen und du schnorchelst bis die Haut schrumpelt. Dann kommt da diese Qualle angeschwommen. Du kennst sie, Aequorea, die mit dem Green Fluorescent Protein im Bauch. Das, was dich die letzten Wochen quasi urlaubsreif machte. Nicht mal hier hat man seine Ruhe vor dem Zeug. Die Qualle grinst dich blöde an und sagt: „Hallo“! Du wachst auf und bist schon am frühen Morgen schlecht gelaunt. Was bleibt, ist die Frage, ob du im wirklichen Leben mal die Chance haben wirst, auf Aequorea zu treffen.

Naja, die nächsten Jahre wohl kaum. Bei diesem Chef, der Urlaub für höchst überflüssige Zeitvergeudung hält. Er selbst könnte sein müdes Hirn auch mal wieder mit frischen Winden beleben, weit weg von muffigen Chefsesseln. Aber das muß jeder für sich selbst entscheiden, nur wir brauchen uns über Urlaub nicht den Kopf zu zerbrechen (wann, wohin, mit wem, woher das Geld nehmen — das kostet schließlich unnütz Kraft und Energie). Er regelt das schon für uns. Grund genug gibt’s immer, im Labor zu bleiben.

Ob das pausenlose Malochen unterm Strich mehr bringt? Topmanager von großen Unternehmen sagen nein. Doch spielt Effektivität an deutschen Unis wohl eher eine untergeordnete Rolle. Frische Ideen werden vom jährlichen Neuzugang mitgebracht, die die ausgelaugten Köpfe kurz vorm Abschiedsgruß noch schnell in ihre Doktorarbeit einarbeiten dürfen.

Später bringt der häufige Aufenthalt an exotischen Tagungsorten allerlei Kurzweil. Du lernst die Hörsäle des Rockefeller Instituts in New York und der Osaka City University kennen. Mehr Urlaub wäre fast schon kriminell.

Naja, morgen wirst du ihn fragen und dich wieder auf Diskussionen einlassen, die man eigentlich als normaler Mensch gar nicht in Erwägung ziehen dürfte. Aber wer ist schon normal?

Du blickst morgens in den Spiegel und rote Lämpchen tanzen vor deinen Augen. Urlaubsreif steht da drauf! Ein teigig aufgequollenes Gesicht mit Augenringen bis zum Kinn ringt sich ein müdes Lächeln ab. Ein Mund mit aufgesprungenen Lippen verzieht sich. Bloß schnell weg hier, im Labor gibt’s ja gottseidank keine Spiegel.

Aber dafür andere böse Fallen: Dreimal rutscht dir heute das Reagenzglas aus den Händen, du vergißt das Antibiotikum den Platten zuzugeben, saugst das Pellet deines einzigen positiven Klons mit der Wasserstrahlpumpe ab und zum Schluß flutscht dir auch noch ein DNA-Elektrophorese-Gel von der Glasplatte und schlittert den halben Flur entlang. Chefchen schaut mitleidig auf Dich herab und geht weiter. Kein blöder Spruch wie sonst. Das ist ein gutes Zeichen, denkst du dir und machst dich auf den Weg ins Sekretariat, um den Urlaubsschein zu holen.

Vielleicht hat dein Chef heute ja doch begriffen, daß seine Söldner auch mal verschnaufen müssen. Auf zu Aequorea.

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3 Kommentare zu „Der ganz normale Wahnsinn im Labor (3)“

  1. bub sagt:

    ich habe vor einigen jahren an einem deutschen (selbst erklärten) elite institut gearbeitet, in dem es verpönt war, dass doktoranden im ersten jahr urlaub nehmen – mit der konsequenz, dass in wenigen jahren etwa 15 doktoranden (inklusive mir) gegangen sind oder gegangen wurden.
    was solls – es gibt ja genügend nachwuchs, der an den unis ausgespuckt wird und die arbeit erledigt.

  2. Pat sagt:

    Herrlicher Artikel – wunderbar geschrieben, vielen Dank! Steckt viel Wahrheit drin und ich kann auch bub mit dem letzten Satz nur zustimmen. Höre oft von einem guten Freund, wie wenig Freizeit und Urlaub dieser hat, das ist echt hart! Mein größter Respekt!

    Herzliche Grüße

    Pat

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