Paper-Einbruch

10. Juni 2013 von Laborjournal

Oft heißt es, heutzutage würden immer weniger Originalartikel tatsächlich gelesen. Wer dies jedoch noch halbwegs regelmäßig tut, dem dürfte es beim Paperlesen ziemlich sicher schon mal folgendermaßen gegangen sein:

Ein Paper fängt richtig stark an. In der Einleitung führt es ganz verschiedene Befunde äußerst eingängig zusammen und entwickelt dabei eine derart neue und originelle Perspektive, dass sich am Ende die zentrale Frage des Artikels überraschend klar und logisch herausschält. Dann der Ergebnisteil: Saubere Experimente mit allen denkbaren Kontrollen bringen mehr als genug Daten, um eine wasserdichte Statistik durchzuziehen. Drei, vier absolut überzeugende Abbildungen entstehen auf diese Weise. Die Schneise ist damit ins Dickicht geschlagen, der weitere Pfad liegt klar und hell vor einem. Gespannt wartet man als Leser nur noch auf den entscheidenden Clou…

… Doch völlig unvermittelt bricht das Paper ein. Die letzten zwei, drei Datensätze passen zwar irgendwie, lassen die Story aber auf der Stelle treten — geschweige denn, dass sie sie rund machen. Vor allem aber bleibt die anfangs so stark abgeleitete Hypothese damit letztlich doch völlig offen.

Was ist passiert? Hat am Ende jemand einfach nicht mehr die nötige Zeit gehabt, das Schiff sicher und ruhig in den Hafen zu steuern?

Oft ist das wohl tatsächlich so. Eine Frist läuft ab, und irgendwas „muss vorher noch raus“ — damit der  Doktorand  zusammenschreiben kann, damit der Postdoc zur nächsten Zeitstelle wechseln kann, damit der Antrag neu eingereicht werden  kann, …

Dass der letzte Kick für die Story noch fehlt, wissen alle Beteiligten — doch was soll man machen in diesen Zeiten asthmatischer Bewilligungsperioden? Schließlich wird der richtige Zeitpunkt für ein Paper heute umso stärker durch Karrierezugzwänge und hektische Antragsrhythmen vorgegeben — statt durch die Zeit, die ein Projekt einfach braucht, um es sauber und überlegt zu einem starken Ende zu bringen.

Unter dem Druck verzichtet man also schweren Herzens auf das „starke Ende“. Vielmehr nimmt man die Daten, die man bis dahin hat, und verpackt sie wortgewaltig, so gut es geht. Dies durchaus mit schalem Geschmack im Mund, was hätte man schließlich für ein Paper machen können… Aber egal, jetzt zählt nur eins: dass die Gutachter das Ding einfach nur akzeptieren und man dieses verdammte, ach so dringend benötigte Paper bekommt…

Oh ja, es gibt jede Menge solcher Paper heute… Oder?

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4 Kommentare zu „Paper-Einbruch“

  1. Na klar gibt es eine Menge von denen – und es werden sicher erstmal nicht weniger: nach einer Generation von Wissenschaftlern, die genau wegen solcher Marketing-Qualitäten berufen wurden, haben wir gerade jetzt die erste Generation von Nachwuchswissenschaftlern, die von solchen Marketing-Experten heran gezogen wurden. Warten wir ab, wo das hinführt…

  2. D.S. sagt:

    Es gibt wirklich massenhaft solcher Publikationen. Wo gibt es denn noch Stellen wo man keinem Publikationsdruck ausgesetzt ist? Mein Doktorvater meinte beispielsweise zu mir: „Sehen Sie zu nach 3 Jahren fertig zu werden. Was letztlich zählt in der Industrie ist, dass Sie schnell fertig werden. Was dann in der Doktorarbeit drin steht oder ob man eigentlich mit einem Jahr länger bessere Ergebnisse erzielt hätte interessiert niemanden.“
    Des Weiteren ist das oben erwähnte Sysem, dass man Anträge halt leichter durchbekommt, Stellen gesichert werden können etc. halt ein großes Problem. Aber wem will man verdenken solche Paper zu schreiben wenn kein Paper eventuell den Verlust des Arbeitsplatzes bedeutet?

  3. Hallo! Quantität statt Qualität. So klingt es zumindest. Irgendwo ja beruhigend, dass man scheinbar seinen Doktor auch mit weniger Inhalt, dafür umso schneller bekommt. Aber ob das langfristig das richtige Ziel ist, wage ich zu bezweifeln 🙂 Beste Grüße

  4. D.S. sagt:

    Marius, ich habe mich dem wiedersetzt und habe 5 Jahre gebraucht, dann war mein Thema „rund“ und abgearbeitet für mein Empfinden. So habe ich ein reines Gewissen, ob mir dieses hilft auf dem Arbeitsmarkt steht auf einem anderen Blatt….

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