Priorität statt Qualität

8. April 2013 von Laborjournal

Worum geht es eigentlich in der Wissenschaft? Zunächst natürlich um Entdeckungen. Doch damit aus Entdeckung auch Erkenntnis wird, braucht sie zwingend Überprüfung und Bestätigung. Validierung nennt man das heute.

Ein schönes Beispiel ereignete sich 1919. In diesem Jahr kam es zum ersten Mal nach Formulierung der speziellen Relativitätstheorie zur einer Sonnenfinsternis. Eine wunderbare Gelegenheit, einige Voraussagen der Theorie zu prüfen. Die Tests bestätigten die Theorie rundherum — und die Forscher waren begeistert und feierten. Heute würden indes wohl viele übellaunig grummeln: „Zu dumm, dass dieser Einstein das schon veröffentlicht hat.“

Eindeutig, da hat sich was verändert zwischen 1919 und heute. Sauberes Überprüfen und Validieren ist heute nicht mehr viel wert. Na ja, nicht gar nichts — aber auf jeden Fall viel, viel weniger als die Erstmeldung einer Entdeckung.

Indizien für diese „The Winner Takes It All“-Mentalität gibt es genug: Die Journals überschlagen sich geradezu in ihrem Eifer, vermeintlich „bahnbrechende“ Entdeckungen zuerst zu veröffentlichen. Und ein Mitglied des Nobelpreiskomitees äußerte kürzlich etwa: „Die Essenz des Nobelpreises ist, dass wir den ganzen Fluss aufwärts wandern um zu sehen, wo er entspringt.“

Priorität als Nonplusultra also, viel mehr noch als die reine Qualität.

Wie oft aber läuft es eher folgendermaßen: Eine Gruppe ist dran an einer echten Entdeckung, macht sorgfältige Experimente, kontrolliert, validiert. Doch gerade als sie ihr Manuskript schreibt, veröffentlicht eine Gruppe, die keiner im Feld zuvor kannte, das Kernexperiment der Entdeckung als Schnellschuss in einem der dafür bekannten Blätter.

Die Arbeit der ersten Gruppe kommt dagegen erst drei Monate später heraus. Doch erst diese Veröffentlichung überzeugt die Kollegen durch ihre Sorgfalt sowie eleganten und überzeugenden Kontrollversuche — und erstickt alle aufkeimenden Zweifel. Erst dieser zweite Artikel eröffnet und etabliert das neue Feld tatsächlich.

Doch jetzt raten wir mal, welche der beiden Gruppen Preise und Zitierungen scheffelt…

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4 Kommentare zu „Priorität statt Qualität“

  1. Das stimmt zwar oft so, aber nicht unbedingt. Es gibt da einen nicht zu vernachlässigenden Faktor, der das ganze verkompliziert: die Hierarchie der Journale. Z. B., erste Beschreibung des ‚default-mode networks‘ in Nagern:
    http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0027839
    zweite Beschreibung:
    http://www.pnas.org/content/109/10/3979.abstract

    Nun raten Sie mal, welches Papier mehr Zitate hat?

  2. Lelala sagt:

    Tja, äh, die zweite Gruppe? 🙂

  3. Hallo,
    ich habe solche dinge auch schon kennen gelernt und schließe mich dem Björn da an – stimmt nicht unbedingt aber in sehr vielen fällen trifft es irgendwie schon zu 🙂

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