Forscher-Netzwerke als Frühwarnsystem

26. März 2013 von Laborjournal

Aus der Reihe „Spontane Interviews, die es nie gab — die aber genau so hätten stattfinden können”. Heute: Prof. O. Dor, Sentiologisches Institut Forschungszentrum Witterberg.

LJ: Ah, Herr Professor Dor — gut, dass ich Sie treffe. Die jüngsten Datenfälschungen von ihrem Kollegen R.A. Dier betreffen doch direkt Ihre eigene Forschung. Wie groß ist der Schaden?

Dor: Schaden? Wir haben keinen Schaden.

LJ: Ja, aber Diers Daten waren doch getürkt. Sind die nicht irgendwie in ihre eigenen Projekte eingeflossen? Schließlich bildeten sie die Grundlage für einen ganzen Teil ihres eigenen Feldes.

Dor: Kann sein. Aber für uns waren sie nicht relevant.

LJ: Entschuldigung, aber das verstehe ich nicht wirklich. Das müssen Sie mir erklären?

Dor: Ganz einfach — wir haben es einfach vermieden, auf Diers Daten aufzubauen. Und wenn es doch Berührungspunkte gab, haben wir die Sachen erst einmal bei uns im Labor selbst verifiziert.

LJ: Das haben andere aber sicher nicht getan?

Dor: Doch. Die meisten, die ich kenne, haben genau das getan.

LJ: Das klingt ja, als hätten sie Diers Daten schon vorher nicht getraut.

Dor: Exakt.

LJ: Sorry, aber das versteh’ ich jetzt nicht wirklich? Der Aufschrei war doch riesig, als die Fälschungen bekannt wurden.

Dor: Ja, sicher. Aber geschrien hat nur die große Masse der Anderen. Uns ‘Insider’ hat das überhaupt nicht überrascht. Sehen Sie — was letztlich in den Journals steht, ist nur ein kleiner Teil dessen, was die Community untereinander austauscht. Tatsächlich hat in der Regel jedes Feld ein wirklich gut funktionierendes Untergrund-Netzwerk. Und da wird früh Alarm geschlagen.

LJ: Wie muss man sich das vorstellen?

Dor: Na ja, wenn irgendjemand die Daten einer Kollegin oder eines Kollegen nicht reproduzieren kann — dann steht das zwar in keinem Journal, aber im Feld weiß es jeder ziemlich schnell. Was meinen Sie denn, welches das größte ‘Flurthema’ auf jeder Konferenz ist? Ich sage es Ihnen: Welche Daten sind solide, und welche sind es nicht — und welcher Forscher macht solides Zeug, und wer nicht.

LJ: Und bei Dier war die Sache demnach schon lange klar?

Dor: Genau. Der Herr Dier mag so smart und integer gewirkt haben, wie er wollte — aber ‘unter Verdacht’ hatten wir ihn bereits, als er die ersten ‘spektakulären’ Resultate anbrachte. Der eine konnte hier was nicht reproduzieren, der andere hatte dies schon lange vorher selbst vergeblich versucht, wieder ein anderer hatte dort ‘etwas mitbekommen’,… und so weiter. Glauben Sie mir: Wenn Leute schon richtig lange über bestimmte Dinge nachgedacht und experimentiert haben, dann erkennen sie auch ziemlich schnell und zuverlässig ein Problem, sobald es auftaucht.

LJ: Also viel Rauch um Nichts?

Dor: Forschungsfälschung ist immer schlimm, keine Frage. Doch meistens richtet sie nicht den Schaden an, den viele meinen, da die unmittelbar Betroffenen aufgrund der geschilderten Mechanismen sowieso schon lange vorsichtig waren. Laut schreien tun nur andere — vor allem diejenigen, die immer gleich den ganzen Wissenschaftsbetrieb in Gefahr sehen. Dabei ist es doch immer noch ein verschwindend kleiner Prozentsatz der Publikationen, in denen man Unregelmäßigkeiten findet. Wobei die Dunkelziffer sicher noch ein paar Punkte mehr dazu beiträgt…

LJ: Heißt das, in Ihrem Untergrund-Netzwerk kursieren noch mehr Fälschungs-Kandidaten?

Dor: Ich sehe, Sie haben verstanden.

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