Plötzlich ist das Paper weg

27. Februar 2013 von Laborjournal

Man stelle sich folgendes vor: Forscher Neu hatte einst aus diversen Gründen beschlossen, nur noch in Open-Access-Online-Only-Zeitschriften zu veröffentlichen. Als er also seine nächste Geschichte beisammen hatte, forschte er im Internet nach dem bestgeeigneten Titel — und schickte das Manuskript schließlich zum Journal of Experimental Surprises [*Name erfunden!*]. Alles klappte wunderbar, und schon kurze Zeit später konnte er sein Paper auf den Monitor rufen. Dennoch beschloss er aus einem nicht wirklich greifbaren Gefühl heraus, sein eingereichtes Manuskript nicht zu löschen, speicherte zudem das PDF seines JES-Papers auf seinen Rechner — und machte davon gar noch ein Dutzend Ausdrucke. Man konnte ja nie wissen…

Vier Jahre später wollte Neu in seinem JES-Paper schnell online etwas nachschauen. Doch das Journal of Experimental Surprises gab es nicht mehr. Als Neu die Seite aufrief, erschien auf seinem Monitor lediglich der lapidare Hinweis „Journal is not publishing“. Sein Paper war natürlich auch nicht mehr da — wie alle anderen auch. Zum Glück hatte er noch seine eigenen Kopien…

Science Fiction? Nicht ganz. Im Blog Scholarly Open Access beschreibt Autor Jeffrey Beall genau solch einen Fall — konkret denjenigen des Journal of Advances in Developmental Research. Das Journal hat aus unerfindlichen Gründen seinen Betrieb eingestellt und die komplette Website gelöscht — samt den bis dahin erschienenen Artikeln. Nur mit etwas Suche findet man das eine oder andere Paper noch in irgendwelchen Caches und Online-Artikeldepots.

Die Moral, die Beall seinen Lesern als Konsequenz aus diesem Fall mitgibt, heißt: Schaut bei jedem Open-Access-Publisher, wie er es mit digitalem Erhalt und der Archivierung der Artikel hält. „Digital Preservation“ heißt das Schlagwort — und was dahinter steckt, ist offenbar keineswegs trivial. So wenig trivial, dass sogar große Open Access Publisher dies nicht mehr „inhouse“ schaffen.

Martin Fenner von der Public Library of Science (PLoS) schrieb dazu bereits vor einiger Zeit in seinem Aufsatz „A digital preservation primer for scientists“:

As we have moved to digital formats both for primary research data and scientific publications, digital preservation has become critical to secure permanent access to scientific information. Digital preservation turned out to be much more difficult than creating digital content, as preservation requires long-term thinking about many issues including file formats, storage solutions and funding. Digital preservation turned out to be too big for individual libraries, publishers or research disciplines, and large collaborative efforts were started in the last five years.

Dann zählt er einige Möglichkeiten auf, wie und wohin Open Access-Verlage die „Digital Preservation“ ihres Contents auslagern können (ebenfalls behandelt hier und hier). Und schließt mit der Feststellung:

We live in a digital world, and this of course includes how we do and communicate science. It is surprising that we have barely started to think about digital preservation.

Doch nochmal zurück zu Forscher Neu. Für sein hypothetisches JES-Paper träfe exakt zu, was Jeffrey Beall im Zusammenhang mit den Online-Artikeln des eingestampften Journal of Advances in Developmental Research fragte:

What can authors do when an open-access, online-only publisher goes out of business? Is it ethical to re-submit their work elsewhere?

Sollte eigentlich okay sein, oder? Schließlich sind die betroffenen Artikel samt Resultaten ja im wahrsten Sinne des Wortes aus dem „Scientific Record“ entfernt. Forscher Neu et al. sollten allerdings dazuschreiben, dass die entsprechenden Paper bereits zuvor in einem verschollenen Journal veröffentlicht waren – und jetzt nur zum Zwecke der Wiederherstellung des „Scientific Record“ nachpubliziert würden. Zudem sollten sie die alte Referenz in ihrer Publikationsliste streichen und gegen die neue austauschen.

Und es sollte natürlich die absolute Ausnahme sein. Aber das liegt vornehmlich bei den Verlagen.

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3 Kommentare zu „Plötzlich ist das Paper weg“

  1. D.S. sagt:

    Theoretisch eine gute Idee das verlorengegangene Paper erneut einzureichen. Praktisch aber wahrscheinlich nicht durchsetzbar. Schließlich kann es ja sein, dass es erst Jahre nach der Veröffentlichung verloren geht. Welches Journal will dann noch uralte Ergebnisse publizieren? Vielleicht sollte man ein Journal gründen „Journal of lost papers“ wo man solche Fälle dann noch mal ablegen kann, allerdings mit dem damaligen Erscheinungsjahr – zumindestens als Angabe im Text.
    Danke übrigens für diesen interessanten Artikel. Online-Journals werden immer beliebter zum publizieren – aber wer informiert sich schon über digital preservation?

  2. G2 sagt:

    Wurde erst kürzlich in einem Chemie-lastigeren Blog angesprochen und in den Kommentaren wurde auch über das Copyright diskutiert, welche eine erneute Veröffenlichung behindern könnte:

    http://pipeline.corante.com/archives/2013/02/22/what_if_the_journal_disappears.php

  3. sk sagt:

    Sollte man nicht die alte Referenz im Veröffentlichungsverzeichnis (mit evt einer Anmerkung) behalten? Weil auch wenn nicht mehr online zu finden gibt es den Artikel ja, und es dürfte auch Referenzen auf den „verlorenen“ Artikel geben.

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