Gutachterprobleme

12. Oktober 2012 von Laborjournal

Aus der Reihe „Spontane Interviews, die es nie gab — die aber genau so hätten stattfinden können”. Heute: Prof. H.E. Imzahl, Antiologisches Institut Universität Schlechterdingen.

LJ: Hallo, Herr Imzahl, so nachdenklich?

Imzahl: Sieht man mir das an?

LJ: Oh ja. Worum geht’s?

Imzahl: Um ein Paper, das ich gestern begutachtet habe.

LJ: Und?

Imzahl: Na ja, ich fand es nicht schlecht. Nicht genial, nicht umwerfend originell — aber durchaus okay.

LJ: Und das ist ein Problem?

Imzahl: Nein, komisch wurde die Sache erst, als ich herausbekam, wer der andere Gutachter ist und wer aus dem Editorial Board der Zeitschrift für die Begutachtung und die letztliche Entscheidung verantwortlich ist.

LJ: Was wurde dann „komisch“?

Imzahl: Na ja, beide sind Idioten — sowohl fachlich, als auch menschlich. Und im gleichen Moment dachte ich: Bei denen kommt das Paper nie durch — nur, weil sie’s nicht kapieren und es nicht zugeben können. Es gibt ja eine Reihe billiger Totschlag-Argumente, mit denen man jedes beliebige Paper ablehnen kann, ohne überhaupt darauf einzugehen.

LJ: Hartes Urteil. Und wie ging es weiter?

Imzahl: Um diesem Szenario in meinem Kopf entgegen zu steuern, habe ich letztlich ein übertrieben gutes Gutachten geschrieben — und auch sofort weggeschickt. Mir ging es gar nicht mehr primär um das Manuskript, sondern eigentlich vielmehr darum, diesen beiden Idioten eins auszuwischen.

LJ: Und darüber müssen sie immer noch nachdenken?

Imzahl: Überlegen Sie mal: Zwei Gutachter sind im Prinzip nicht qualifiziert und das dritte Gutachten, also meins, ist eigentlich aus den falschen Motiven entstanden. Also mir zeigt das wieder mal am eigenen Leib, dass das ganze Peer Review-System niemals so stringent, objektiv und unabhängig sein kann, wie man es gerne hätte.

LJ: Wieder mal?

Imzahl: Ja, die Geschichte ist kein Einzelfall. Vor ein paar Jahren habe ich beispielsweise mit einem Editor in der Kneipe gesessen, den ich gut kenne. Und dieser Editor hat mir von einem Manuskript erzählt, zu dem er gerade zwei negative Gutachten erhalten hatte. Als er mir die Namen der Gutachter nannte, stöhnte ich sofort auf und versuchte ihm klar zu machen, dass er auf die niemals hören sollte. Nach dem dritten Bier hatte ich ihn soweit, dass er das Paper trotz der beiden Gutachten akzeptieren wollte.

LJ: Und hat er?

Imzahl: Sicher, das Paper ist erschienen.

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