„So viel Schlamperei kann doch wohl kaum sein“

10. August 2012 von Laborjournal

Aus der Reihe „Spontane Interviews, die es nie gab — die aber genau so hätten stattfinden können”. Heute: Prof. S. Keptik, Editoriologisches Institut Universität Blätterwald.

LJ: Hallo, Herr Keptik — Sie schütteln den Kopf. Was ist passiert?

Keptik: Ach, nichts wirklich Schlimmes. Ich hab‘ nur wieder mal eine komische Email-Antwort erhalten.

LJ: Inwiefern?

Keptik: Na ja, ich bin doch Chief Editor beim All Open Journal. Und in letzter Zeit haben die „Fälle“ durchaus zugenommen, in denen die Gutachter ihre Berichte mit dem Hinweis zurückschicken, dass ihrer Meinung nach etwas mit der Präsentation der Daten nicht stimmen könne. Weswegen sie dann meistens verlangen, die Originaldaten und -unterlagen einzusehen.

LJ: Und die fordern Sie dann an?

Keptik: Richtig. Und Sie glauben nicht, was ich da manchmal zu hören bekomme. Gerade eben hat zum Beispiel einer zurückgeschrieben, dass er die Unterlagen bedauerlicherweise nicht mehr finden könne, weil er gerade erst mit seinem Labor umgezogen sei. Beim Umzug Originaldaten zu Manuskripten verbummeln, die gerade begutachtet werden — also ich bitte Sie? Das „riecht“ schon ein wenig komisch, oder?

LJ: Und deswegen haben Sie gerade noch mit dem Kopf geschüttelt.

Keptik: Ja, wahrscheinlich. Vielleicht auch, weil sich solche „faul riechenden“ Ausflüchte gerade auffällig häufen.

LJ: Ziehen denn so viele Labors gerade um?

Keptik: Nein, natürlich nicht. Einer hat zum Beispiel geantwortet, die Daten wären alle auf einem USB-Laufwerk gewesen — und das wäre verloren gegangen. Wieder ein anderer hatte geschrieben, dass er das Manuskript zuvor bereits bei einem anderen Journal eingereicht hatte, welches ebenfalls die Originaldaten nachgefordert hätte. Er habe diesem Journal also eine CD voller Daten geschickt, diese nicht mehr zurückerhalten — und deswegen hätte er die Daten jetzt nicht mehr. Also bitte, so viel Schlamperei kann doch wohl kaum sein.

LJ: Stimmt, klingt ziemlich verdächtig.

Keptik: Der Witz aber ist, dass ich nie gesehen habe, dass ein betreffendes Manuskript nachfolgend auch tatsächlich gedruckt wurde – bei uns sowieso nicht, aber auch nicht später irgendwo anders.

LJ: Lief also alles frei nach dem Motto „Nice Try!“

Keptik: So in etwa. Es gibt allerdings eine Sache, die mich daran besonders ärgert.

LJ: Okay, welche?

Keptik: Wenn wir nach Originaldaten fragen, heucheln die Seniorautoren oftmals blankes Unwissen vor und schieben die ganze Sache auf die Erstautoren, die ja die Daten letztlich gemacht hätten. Dabei müsste es doch deren oberste Pflicht sein, gerade die Originaldaten zu prüfen und zu verifizieren. Schon aus reinem Selbstschutz. Denn die Gefahr ist doch bei all dem Druck durchaus gegeben, dass die eigenen Studenten ihre Ergebnisse ein wenig „schönen“ um dem Chef das zu präsentieren, was er sehen will.

LJ: Allerdings. Ist ja wohl auch schon öfter vorgekommen

Keptik: Eben. Und wie auch immer — wenn man schon als Seniorautor auf einem Paper steht, sollte man generell jeden noch so kleinen Datenpunkt beglaubigen und verantworten können.

LJ: Gutes Schlusswort. Vielen Dank!

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