Vertrauenssache Peer Review

29. September 2017 von Laborjournal

Mitarbeiter der Annals of Internal Medicine stellten vorletzte Woche auf dem International Congress for Peer Review and Scientific Publication die Ergebnisse einer ziemlich interessanten Befragung vor. Deren Thema: Missbrauch von eingereichten Manuskripten durch Peer Reviewer (Originaltitel: Misuse of Received Manuscripts by Peer Reviewers: A Cross-sectional Survey).

Als Resultat halten sie zunächst einmal fest:

A total of 1431 of 3275 invited reviewers (44%) returned the survey […] Nearly half indicated having reviewed and published more than 50 manuscripts and having mentored others in peer review. Reasons reported for agreeing to review included keeping up to date in a research field (957/1417 [68%]), a sense of obligation to peer review (1316/1417 [93%]), …

So weit, so gut. Mit dem nächsten Grund, warum die Befragten die Manuskripte zur Begutachtung annehmen, wird es dann allerdings schon etwas kniffliger:

… and to know what competitors are doing (190/1417 [13%]).

Aha — ganze 13 Prozent der Befragten gaben also zu, Manuskripte vor allem deswegen zur Begutachtung anzunehmen, weil es ein guter Weg sei, sich darüber zu informieren, was die Konkurrenz so treibt. Da man derlei aber selbst in anonymen Umfragen aus selbstwertdienlichen Gründen nicht wirklich gerne preisgibt, dürften die 13 Prozent die tatsächliche Realität sogar noch schmeichelhaft abbilden.

Doch es kommt noch besser:

One hundred sixty-nine of 1417 (12%) had agreed to review manuscripts from authors with whom they had conflicts of interest; of these, 61 (36%) did so without informing the journal’s editor. One hundred fifty-three of 1413 (11%) showed manuscripts to colleagues without seeking permission.

Diese Art „Schindluder-Verhalten“ gibt man in diesem Zusammenhang sicher noch weniger gerne zu. Mit der Folge, dass die „Dunkelziffern“ für diese Art Missbrauch von anvertrauten Manuskripten nochmals höher ausfallen dürften.

Gleiches gilt natürlich auch für das letzte vorgestellte Ergebnis der Befragung:

Twenty-six of 1414 (2%; 95% CI, 1%-3%) indicated having used the information in a reviewed manuscript for personal or academic benefit prior to the paper’s publication. Such reported use included using what was learned to alter one’s own research plans, speeding up journal submission of one’s own work related to the subject of the manuscript being reviewed, and copying some part of the reviewed manuscript for one’s own work.

Okay, das sind zwar nur zwei Prozent — aber dennoch heißt das zusammen mit den anderen, bereits genannten Ergebnissen schlichtweg, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Autoren und Gutachtern, auf dem das gesamte Peer-Review-System fußt, offenbar deutlich öfter gebrochen wird, als einem lieb sein kann.

Entsprechend schreiben die Autoren dann auch in ihrer Conclusion:

Trust that reviewers will treat manuscripts received for peer review as confidential communications is an essential tenet of peer review. Although self reported and of uncertain generalizability, these results suggest that breaches of this trust do occur. Larger studies involving multiple journals should be considered to assess the generalizability of these results and to inform targeted educational initiatives aimed at promoting the highest ethical standards among peer reviewers.

Kommentare, Meinungen oder gar eigene Erlebnisse zu potenziellem Peer-Review-Missbrauch nehmen wir gerne entgegen. Entweder direkt hier über das unten folgende Kommentarfenster, oder auch diskreter via Mail an die Laborjournal-Redaktion.

Gender-Debatte: Unsinnige Glaubenslehre in der Biologie?

15. September 2017 von Laborjournal

[Der folgende Beitrag des Kasseler Biologen Ulrich Kutschera erschien als „Brief an die Redaktion“ in unserer aktuellen Print-Ausgabe LJ 9/2017, S. 12-13. Derart gekennzeichnete Artikel geben ausschließlich die Meinung des Autors wieder. Die Sichtweise der Redaktion kann daher eine völlig andere sein. Wir bringen Kutscheras Beitrag parallel hier auf unserem Blog, um über das Kommentar-Fenster dessen direkte Diskussion zu ermöglichen.]

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Gender-Debatte: Unsinnige Glaubenslehre in der Biologie?

Der Kasseler Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera antwortet auf Brynja Adam-Radmanics Beitrag „Biologie in der Gender-Debatte: Vom Feminismus geächtet, vom Rechtspopulismus umarmt“ aus Heft 5/2017 (S. 16 ff.). Seiner Ansicht nach gehört die sozialkonstruktivistische Gender-Lehre auf dem Friedhof unsinniger Gedankengebäude begraben. Genau so wie etwa der Kreationismus, der Wünschelruten-Glaube und die Homöopathie.

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Foto: iStock / Thomas Faull

Im Mai 2017 veröffentlichte das Laborjournal einen Artikel mit dem Titel „Biologie in der Gender-Debatte: Vom Feminismus geächtet, vom Rechtspopulismus umarmt“. In diesem, von Frau Brynja Adam-Radmanic verfassten Kommentar wird die Tatsache aufgegriffen, dass im Rahmen der Umbenennungsaktion Freiburger Straßennamen auch der Natur­for­scher Carl von Linné wegen seines mutmaßlich zweifelhaften Frauenbildes ins Kreuzfeuer geriet – und im Zusammenhang mit der sozialkonstruktivistischen Gender-Ideologie thematisiert (LJ 5/2017: 16-19).

Die Autorin vertritt die These, dass die wenigen Biologen, die es wagen, eine Geschlechter-Irrlehre als unwissenschaftlich zu kritisieren, dem „rechtspopulistischen Spektrum“ beizuordnen seien. Diese populäre Ansicht geht auf den amerikanischen Urvater der Gender-Dogmatik zurück: John Money (1921-2006), ein Psychologe und höchst umstrittener „Sexologe“, der die Kritiker seiner biophoben Theorie der 1950er Jahre („Babys kommen geschlechtsneutral zur Welt und werden anschließend in männlich/weibliche Richtung erzogen“) als „rechtsradikale Rassisten“ und Anti-Frauenrechtler diffamiert hat. Die Ursprünge und Kernthesen der Gender-Ideologie, von mir daher auch als Moneyismus bezeichnet, sind, mit vielen authentischen Quellenangaben und Zitaten versehen, in meinem Buch Das Gender-Paradoxon. Mann und Frau als evolvierte Menschentypen (2016) zusammengefasst.

Zurück zur Freiburger Straßen-Umbenennungsaktion. Diesen Beitrag weiterlesen »

Kommen sie schon, die Forscher aus Brexit-Country und Trump’s Nation?

12. September 2017 von Laborjournal

Spätestens seit dem Frühjahr konnte man nahezu überall nachlesen, dass England nach dem Brexit einen Brain Drain an Akademikern erleiden würde — zuletzt unter anderem hier. Bevorzugtes Ziel dieser Kandidaten: Deutschland.

Ähnliches verlautet seit diesem Jahr auch aus den USA, die ja bis dato weithin als DAS Scientific Betterland schlechthin angesehen wurden. So wurde beispielsweise erst letzten Monat der US-Bioklimatologe Ashley Ballantyne von der University of Montana folgendermaßen zitiert:

It used to be that European scientists would come to the US for opportunities. But I think the tides are turning, and there have been several really well-respected, midcareer scientists leaving for institutions in Germany and Switzerland and France [and] England. … In some respects, there’s been a bit of a reverse brain drain.

Donald Trump macht’s offenbar möglich!

Doch kommen tatsächlich Wissenschaftler aus UK oder den USA hierzulande an? Bisher scheint es dazu allenfalls anekdotische Hinweise zu geben — wie etwa denjenigen unseres Sommeressay-Autoren Stephan Feller, der uns vor zwei Wochen via E-Mail wissen ließ:

Im Moment ist gerade ein ‚Fenster offen‘, um tolle Jungforscher aus USA und UK nach Deutschland zu holen (dank Trump und Brexit). Wäre vielleicht auch mal einen Artikel wert.

Konkretes Beispiel: Wir haben in Nature eine W1 Juniorprofessur (tenure track) an der MLU Halle ausgeschrieben und erwarten alleine aus Oxford fünf bis sechs Bewerber. Die Frist ist noch nicht um, daher habe ich noch keinen Gesamtüberblick, aber mindestens ein weiterer Bewerber ist noch von einer US- Eliteuni dabei.

Tja, und weil wir jetzt wirklich ausloten wollen, ob das Thema einen Artikel wert ist, fragen wir hiermit unsere Leser: Gibt es an Ihrer Einrichtung auch bereits Anzeichen für einen derartigen Brain Gain aus den USA und dem UK? Und wenn ja, betrifft das gesteigerte Interesse tatsächlich auch Kandidaten aus den dortigen Elite-Einrichtungen?

Wir sind dankbar für jede Rückmeldung, vor allem für weitere konkrete Beispiele. Entweder gleich hier unten als Kommentar auf diesen Post, oder direkt als E-Mail an die Redaktion.

 

Danke für eure Forschungspläne!

4. September 2017 von Laborjournal

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(Vor kurzem erhielten wir folgende, von uns hier anonymisierte E-Mail:…)

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„Ich bin Postdoc an der Uni […], und derzeit von Drittmitteln bezahlt […], die Ende 2017 auslaufen. Daher habe ich mich im März auf eine Stelle […] beworben, die als „Full time tenure-track research position […]“ ausgeschrieben war. Für die Bewerbung musste man neben dem CV auch einen Research Plan beilegen, der ein für die folgenden Jahre anvisiertes Forschungsprogramm überzeugend darlegt.

Am 1. Juni, also mehr als zwei Monate nach Ende der Bewerbungsfrist, fragte ich sehr höflich nach, ob man denn schon etwas über den Status der Bewerbung sagen könne. Ich habe bis heute keine Antwort bekommen.

Diese Woche erfuhr ich von einem Kollegen, der sich ebenfalls auf die Stelle beworben hat, dass die Stelle überhaupt nicht mehr mit einem Postdoc besetzt werden wird und man stattdessen Doktoranden einstellen will. Diese Information hat mein Kollege von einem Mitarbeiter des „Zielinstitutes“ inoffiziell erhalten.

Mein Verdacht ist nun, dass die Verantwortlichen die Stelle bewusst attraktiv ausgeschrieben haben, um von den eingehenden Bewerbungen die Ideen der eingereichten Forschungspläne abzugreifen. Zu diesem Plan würde gehören, dann doch keinen Postdoc dauerhaft auf die Stelle zu setzen, sondern die Arbeit stattdessen von nicht langfristig angestellten Doktoranden machen zu lassen. Die Anleitungen hierzu finden sich ja in den eingereichten Forschungsplänen (zumindest war mein Forschungsplan so gestaltet).

Am besten finde ich dazu noch, dass ein Mitarbeiter des Zielinstituts sich mit meinem Kollegen (derjenige, von dem ich die Sache inoffiziell erfahren habe) getroffen hat, um eine mögliche Kooperation über das in dessen Forschungsplan vorgeschlagene Projekt zu besprechen!

Ich habe natürlich keine Beweise dafür, dass das geschilderte Vorgehen bewusst so geplant worden ist. Neben der Stelle, auf die ich mich beworben habe, wurden noch zwei oder drei weitere Stellen (ebenso mit tenure track) vom besagten Institut ausgeschrieben. Ob sie inzwischen besetzt sind, weiß ich nicht.

Ich will ja nicht jammern, aber vielleicht lohnt es sich, hier einmal nachzuforschen. Vielleicht ist das aber auch gängige Praxis, und ich habe es bisher nur nicht gewusst. Was meinen Sie […] dazu?“

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Tja, was meinen unsere Leser dazu? Selbst mal etwas Ähnliches erlebt? Und kann es tatsächlich Methode haben, auf diese Weise Forschungsideen und experimentelle Konzepte zu klauen? Antworten bitte unten im Kommentarfenster, oder direkt an unsere Redaktion unter redaktion@laborjournal.de.

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